Skip to main content

Grundphänomen Spielen und der Löwenmensch

Natur, Liebe, Arbeit, Herrschaft und Macht, Selbstfindung und Tod sind Grundphänomene des Menschen. Diese Elementarprobleme beschäftigen uns ständig und vielfältig, je nach Charakter und Bildungsstand mal mehr, mal weniger. Ein weiteres, diese existenziellen Themen sogar verbindendes Grundphänomen, ist das Spielen.

Der Löwenmensch

Der Löwenmensch, Stadtmuseum Ulm

Die Art und Weise der Bewältigungen dieser unterschiedlichen, geistigen und körperlichen Herausforderungen rund um die Natur, die Liebe, unsere Arbeit, das von uns konstruierte Herrschafts- und Machtsystem, unsere Selbstfindung und unseren Tod sowie unseren Umgang und Einsatz mit dem Grundphänomen des Spielens bestimmen unsere Kultur. Oder legt erst die Kultur das Fundament für unsere Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie die damit verbundenen "erfolgreichen" Verhaltenweisen? Ohne spielerischen Umgang wäre eine kulturelle Entwicklung jedoch kaum denkbar gewesen. Die Ludologie befasst ist mit diesen Themen. Damit gehört sie zu den Sozial- und Kulturwissenschaften. Seit wann spielen wir Menschen denn eigentlich?

 

Sprache und Phantasie

Die ältesten Knochen der ersten identifizierten Menschenart haben die Archäologen auf 2,8 Millionen Jahren datiert. Bis die ersten Menschenarten das Feuer nutzen konnten, um sich gegen wilde Tiere besser wehren zu können oder diese besser jagen zu können, sich zu wärmen oder die Nahrung kochen zu können, vergingen ca. 2,5 Millionen Jahre. Erst 300.000 vor Christus stellten manche Menschenarten ihren täglichen Speiseplan um. Die Körperenergie wurde nun nicht mehr in dem Umfang in Magen und Darm gebraucht, um die schwer verdauliche Rohkost zu verdauen. Das menschliche Gehirn hatte freie Energieressourcen zur Verfügung, es konnte wachsen und sich weiterentwickeln. Es entstand nach der Evolutionstheorie der heutige "Homo sapiens" um das Jahr 200.000 vor unserer Zeitrechnung.

Aber anscheinend liefen unsere Vorfahren noch ca. 165.000 Jahre mehr oder weniger grunzend und brüllend auf diesem Planeten mit dem biologisch schon gut ausgebildeten Gedankenkasten herum, bis sich ein komplexes und differenziertes Sprachempfinden 35.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung herausbildete.

Ausgestattet mit der "Kulturtechnik" Sprache fingen unser Vorfahren an, nicht nur Dinge, die sie sahen, hörten, riechten, schmeckten oder anfassen konnten zu beschreiben, sie müssen sich auch Dinge und Situationen ausgedacht haben. Die Sprache ermöglichte es, von "Sachverhalten" zu erzählen, die es real nicht gibt.

 

 

Die menschliche Phantasie begann sich anscheinend parallel zur Sprache zu entwickeln.

 

Die Erfindung von Spielzeug

Stellen wir uns mal die Situation vor, da sitzt jemand satt in seiner Höhle. Die Sippe ist versorgt, alle Grundbedürfnisse sind befriedigt und nun spielen die Kinder, toben in der Höhle herum, weil es draußen regnet und abends am Lagerfeuer sind neue Geschichten zu erzählen, damit der Nachwuchs zur Ruhe kommt und gut einschläft. Gelangweilt greift ein Homo sapiens, ein Er oder eine Sie, zum scharfkantigen Stein und beginnt an dem noch herumliegenden Stoßzahn eines inzwischen verspeisten Mammuts herumzuschnitzen.

Gestern Abend kam während der Gutenachtgeschichte die spontane Idee bei den Kindern gut an, dass es sowas wie ein Fabelwesen, ein Mischwesen aus Mensch und Löwe geben könnte. Wie könnte so etwas aussehen? Die Phantasie, diese Idee wird materialisiert. Mit jedem Kratzer ins Elfenbein wird die Vorstellung konkreter, als sei das Ding, was da produziert wird, ein Abbild von einem Wesen, das es wirklich gibt. Es soll schon echt, real aussehen und die Phantasie der Kinder unterstützen, dann würden sie mit der Puppe als Spielzeug sicherlich auch eigenständig spielen können und sich neue Geschichten ausdenken.

Oder war es ganz anders?

 

Die Erfindung eines "Überwesens"

Menschen sind schwach und vergänglich. Es gibt Tiere, die sind stärker, schneller oder geschickter als wir Menschen. Sie können besser hören, sehen oder riechen. Wir Menschen bewundern so mache Tiere. Sie wirken auf uns majestetisch oder gar mystisch, weil sie so viel stärker sind als wir. Ein Löwe zum Beispiel.

In dem Bewusstsein, selbst nicht perfekt zu sein, träumen wir davon, anders sein zu können. Wie müsste ein Mensch sein oder aussehen, der größer, stärker, unverletzlich oder gar unsterblich ist? Er müsste anders aussehen als wir. Die menschliche Phantasie bietet sich uns an, Dinge die wir kennen, neu zu kombinieren, die es real so nicht gibt. Und wenn ich als Mensch gespürt habe, dass viele Menschen, wenn sie sich nur zusammen tun, sich einig sind, gemeinsame Ziele verfolgen, stärker sind, als wenn ich allein versuche ein Mammut zu jagen und zu töten, dann muss es vielleicht etwas geben, was über uns Menschen als Individuum steht, etwas was uns zusammenführt, um gemeinsam stärker zu sein.

Eine verbindende Kraft, eine Naturgewalt, die mehr kann und mehr ist, als ein einzelner Mensch, muss ein Übermensch sein. Dieses Wesen sollte von allen akzeptiert und sofort anerkannt werden, als etwas, was wichtiger und größer ist als man selbst. Es muss die Funktion erfüllen, dass wir Menschen bereit sind, über uns selbst und unsere Eingeschränkheit hinaus denken zu können. Wenn ein einzelner Mensch akzeptieren würde, dass es da etwas gibt, das den bei uns Menschen ansonsten fehlenden sozialen Instinkt ersetzt oder ergänzt, dann müssen wir bei der nächsten Jagd nicht mehr so lange rumdiskutieren, wie das nächste Mammut erlegt werden soll. Gemeinschaft und kollektives Handeln zu organisieren ist so mühsam, wenn es über den eigenen Familienvorstand hinausgeht, der ansonsten das Kommando hat.

So ein Löwenmensch kann ein verbindendes, ein rituelles oder gar spirituelles Element sein, das die Menschen zusammenführt, mühsame Abstimmungsprozesse bei unterschiedlichen Interessenslagen harmonisiert, Effektivität schafft und damit Effizienz bei dem Ziel der Steigerung der Überlebensfähigkeit durch Gemeinsinn ermöglicht. So ein Löwenmensch sollte uns heilig sein, er "tut" Gutes, er bewirkt etwas, was wir allein nicht bewirken können. Wenn uns etwas heilig ist, dann verlieren wir jedes Maß an Raum und Zeit, opfern uns für ein höheres Ziel und schnitzen stundenlang am Mammutstoßzahn herum, bis alle, die uns wichtig sind, diesen Übermenschen akzeptieren sowie die Ziele und Regeln, die er verkündet.

 

Spielzeug oder ritueller Gegenstand?

Ob nun der Löwenmensch ein profanes Spielzeug ist oder die erste dokumentierte Form eines religiösen Heiligtums, können wir heute nicht mehr klären. Der Künstler ist seit mehr als 35.000 Jahren nicht mehr zu befragen. Was aber verbindet diese beiden Theorien? Zum einen erwachsen beide Erklärungsansätze eindeutig aus der menschlichen Phantasie, nur die damit verbundenen jeweiligen Ziele sind unklar. Zum anderen ist daraus abzuleiten, dass ein solcher Gegenstand etwas "regeln" sollte, er Ankerpunkt sein sollte für weitere phanatievolle Kindergeschichten oder gesellschaftlich relevante Organisationsprozesse.

Ob Spiel oder Wirklichkeit, die menschliche Phanatsie ist die Grundlage für erfundene Ordnungen, für regulative Ideen, die uns unterhalten und amüsieren können oder uns bei dem Überlebenskampf gegen eine eigentlich überlegne Natur helfen. Ob Spielzeug oder ritueller Gegenstand zur Organisation und Sozialisation, der Löwenmensch führt den "Anwender" über seine eigene Existenz hinaus zu Spiel- oder Gesellschaftsregeln, auf die sich jeder einzelne einlassen kann, er mittspielen kann oder er sich ab- oder gar ausgrenzt, geistig und oder auch materiell.

Es wurden zahlreiche kleine Tierfiguren in der Höhle gefunden, die größte war das Mischwesen des Löwenmenschen, 31,1 cm hoch.

Die Künstlerin oder der Künstler müssen mit dem zur Verfügung stehenden Werkzeug (Klingen, Schaber, Kratzer oder Stichel aus Feuerstein) schätzungsweise ca. 360 Stunden an der Herstellung des Löwenmenschen gearbeitet haben.


Die Website www.loewenmensch.de wird vom Stadtmuseum in Ulm betrieben und beinhaltet detaillierte Hintergrundinformationen zur Ausgrabungsgeschichte von 1939 bis zur Restauration in 2014.

 

Spiele und Rituale: Erfundene Ordnungen

Genau da, wo Worte versagen, wo es um etwas Unaussprechliches geht, bietet das Ritual eine kollektive Erfahrung, eine gemeinschaftliche Transzendenz- oder Spiritualitätserfahrung. Immer wieder "gespielte" Rituale bilden das praktische Fundament für die Mystik. Nach dem österreichisch-britischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951) ist das Unaussprechliche, das Unsagbare das "Mystische" (Tractatus logico-philosophicus, 6.522). Und er fährt fort: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen."

Wenn man aber nicht schweigen will, sich diesen mystischen Raum erschließen will, dann bedarf es erfundener Ordnungen und regulativer Ideen, die einem einen gedanklichen Spielplatz, ein Spielfeld mit entsprechenden Spielregeln einräumen.

So ein gedanklich konstruiertes Spielfeld nutzt uns Menschen. Es gibt uns das Gefühl von Sicherheit, von Kontrolle, wir können ohne größeren Aufwand zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wir sind nicht allein dem Zufall und dem Chaos überlassen. Wir können zielführend handeln und gestalten, wir können einem "Plan" folgen, gar ein Spielziel erreichen, unser Leben mit Sinn aufladen, das anfangs Unberechenbare in Messbares verwandeln. Erfolg wird definiert, durch unsere (Teil-)Leistung als Mitspieler sind wir eingebettet in die von der Familie, der sozialen Gruppe, dem Unternehmen, der Religionsgemeinschaft oder aufgeklärten, säkularen Nation gestalteten kulturellen Rahmenbedingungen.

Wieviel Freiheit braucht ein einzelner Mensch oder Unternehmer oder Journalist? Welche "Werte" sind uns in diesem Gesellschaftsspiel wichtig? Sollen Frauen und Männer gleichberechtigt sein? Sollen Frauen Kopftücher tragen? Warum tragen dann Männer keine Kopftücher?

Gesellschaftliche Spielregeln haben oft eine lange Geschichte. Erfundene Ordnungen werden irgendwann nicht mehr hinterfragt, sie funktionieren ritualisiert, aber das Leben und der Umgang mit seinen Grundphänomenen bedeuten Veränderung. Mal mehr, mal weniger, mal schnell, mal langsam.

Regeln werden ständig auf eine Bewährungsprobe gestellt, hinterfragt oder umgangen. Es ist eine hohe Kunst gleichzeitig effizient und felxibel zu sein, zum einen Routinen zu bewahren und zum anderen Routinen zu durchbrechen. In der Organisationslehre spricht man hier von der "Ambidextrie".

Bestehendes zu nutzen und gleichzeitig Neues zu erkunden, ist die Herausforderung. Spielerisch mit Ritualen und Routinen umzugehen kann zu einer Disruption oder auch "nur" zu einer Modifikation führen. Einen Löwenkopf mit einem menschlichen Körper zu kombinieren, war ein solcher Schritt vor 35.000 Jahren, ob damit eine erste Religion erschaffen wurde oder die Kinder mit Hilfe eines Spielzeugs motiviert wurden, ein Phantasiespiel in ein Rollenspiel zu überführen.

 

Inter- und transdisziplinäre Ludologie

Der spielerische Umgang mit erfundenen Ordnungen dient der Gestaltung von Veränderung, unterstützt vielleicht notwendige Anpassungsprozesse, hinterfragt regulative Ideen, bringt uns in Kontakt zu den anderen Grundphänomenen des Menschen, wie den Umgang mit der Natur, der Liebe, der Arbeit, unserer Selbstfindung, dem Tod oder der Gestaltung von Herrschaft und Macht.

Die Lehre vom Spiel, die Ludologie, ist damit viel mehr als die Analyse und die Dokumentation von Spielmechanismen oder Spielkonzepten bei digitalen Spielen.

Aufgrund ihres verbindenen Charakters in unserer künstlichen Welt mit ihren komplexen Herausforderungen möchte sie einen Beitrag dazu leisten, die oft unbewussten Strukturen zu erkennen und dem menschlichen Bedürfnis nach Einfachheit zu entsprechen, so wie es auch andere wissenschaftliche Disziplinen versuchen, Phänomene zu beschreiben, zu erklären und Entscheidungshilfen zu liefern. Die Ludologie möchte dies in Bezug auf die zahlreichen erfundenen Ordnungen dieses ach so liebenswerten sozialen Wesens, dieses Homo sapiens oder eben eher Homo ludens, erbringen.

 

Epilog

Der Löwenmensch verdeutlicht die Faszination des Menschen für dieses Katzentier. Seine Eleganz, Erhabenheit und Stärke soll wohl gerne auf Herrscher und Königshäuser abfärben. Auch wenn der Löwe als Tier nachweislich nicht in Dänemark oder England beheimatet ist, so nutzte der dänische König Knut VI. (1162-1202) ab 1194 drei Löwen als Hoheitszeichen. Wie kam er auf die Idee? Warum nahm er keine Eisbären? Er heiratete 1176 Gertrud, die Tochter von "Heinrich dem Löwen" (1129-1195), Herzog von Sachen und Bayern.

Nach der Eroberung Englands durch die Normanen (aus der Normandie kommend) im Jahre 1066 nutzen die Engländer das Löwensymbol als Königssymbol. Bei König Heinrich II. (1154-1189) reichte noch ein Löwe, Richard I., auch Richard Löwenherz genannt (1157-1198), schmückte sich anfangs noch mit zwei goldenen Löwen. Vielleicht hat er sich das Wappen vom dänischen König Knut VI. angesehen, jedenfalls erhielt sein eigenes Wappen ab 1198 dann einen weiteren, dritten Löwen.

Die von Richard Löwenherz im englischen Wappen etablierten goldenen "Three Lions" auf rotem Grund sind bis heute Bestandteil des britschen Königshauses und schmücken, in blauer Farbe, die Trikots der englischen Fußball-Nationalmannschaft. Die drei dänischen Löwen kommen ebenso blau daher, aber dort auf goldemen Grund.

Im Heimatkundeunterricht der Grundschule hatte der Autor dieser Zeilen das städtische Wappen seiner Kommune Flensburg mit Buntstiften auf einer Schwarzweißvorlage farbig auszumalen. Die dabei entstandene kognitive Dissonanz, warum er die zwei Löwen blau anzumalen hatte, wie er doch sonst nur Schlümpfe anmalte, begleitete ihn viele Jahre (s. Flensburg-Wappen rechts). Die noch größere Dissonanz, was denn Löwen mit Flensburg an der Ostsee zu tun hätten, obwohl die doch sonst ausschließlich in Afrika wohnen, konnte er sich erst Jahrzehnte später beantworten.

Da Flensburg zu Schleswig-Holstein gehört und Dänemark dieses Land und damit die Stadt nur herzöglich bis 1864 verwaltet hat, durften die Flensburger gerade einmal zwei der starken Raubkatzen aus dem dänischen Königswapppen in ihr Stadtwappen mit übernehmen (seit 1386).

Auch vor 1000 Jahren waren die Menschen noch von Löwen fasziniert, als sie längst nicht mehr Löwenmenschen aus Mamutstoßzähnen schnitzten, sondern sich Ritterschilde bemalten und daraus Herrscher- und Hoheitswappen entwarfen. Der spielerische Umgang mit unseren Gedanken, unsere Phanatsie treibt uns Menschen an, uns Dinge vorzustellen und anzueignen, die es real nicht gibt. So beginnen wir Kultur zu gestalten und Ordnungen zu erfinden, die unser komplexes, arbeitsteiliges Gesellschaftsspiel mit Leben und Mitspielern füllen. Ein wunderbare Spielwiese für die Ludologie.