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Spielzeugmuseum Nürnberg - Interview mit Karin Falkenberg

Das Spielzeugmuseum Nürnberg wird im Jahre 2021 schon 50 Jahre als. 1965 erwab die Stadt Nürnberg von der Privatsammlerin Lydia Bayer ihre seit den 20er Jahren entstandene Sammlung historischer Spielsachen. 1971 wurde das erste kommunal finanzierte Spielzeugmuseum in der Bundesrepublik Deutschland eröffnet.

Spielzeugmuseum Nürnberg

Spielzeugmuseum Nürnberg "Bärbär"

Das Spielzeugmuseum Nürnberg als emotionales Weltmuseum

Künftiges Zentrum für Spielzeug mit Institut für Spielwissenschaften

 

Prof. Dr. Jens Junge, Direktor des Instituts für Ludologie, im Gespräch mit Dr. habil. Karin Falkenberg, Direktorin des Spielzeugmuseums Nürnberg über Visionen und Traditionen

Spielzeugmuseum Nürnberg, Leiterin Dr. Karin Falkenberg

Spielzeugmuseum Nürnberg, Leiterin Dr. Karin Falkenberg lädt ein, einzutreten

Jens Junge: Das Spielzeugmuseum Nürnberg feiert im Jahr 2021 seinen 50. Geburtstag. Wie soll dieses Museum denn in den kommenden 50 Jahren aussehen?


Karin Falkenberg: Wir verändern das Spielzeugmuseum aktuell mit aller Zärtlichkeit – aber grundlegend. Ein Museum muss sich verändern, damit es das bleiben kann, was es ist. Aktuell verfeinern wir das neue Rahmenkonzept. Konkret arbeiten wir daran, welche Geschichten das Haus zukünftig mit welchen Ausstellungsobjekten erzählen soll. Der Plan ist, das Spielzeugmuseum künftig zu „Nürnbergs emotionalem Weltmuseum“ zu machen.


Jens Junge: Die Idee für das neue Spielzeugmuseum ist also ein „Weltmuseum“. Wie ist das Haus denn bis jetzt aufgebaut?


Karin Falkenberg: Im Moment sind es klassische Sammlungskriterien, die dem Museum seine eher enzyklopädische Struktur verleihen – oft ist es auch das Material, das die Ordnung vorgibt. Zum Beispiel gibt es einen Raum mit Spielzeugautos, einen Raum mit Puppen, es gibt Räume mit Blechspielzeug, einen Raum mit Zinnfiguren, es gibt eine Modelleisenbahn und Spielzeugeisenbahnen in Vitrinen, es gibt Vitrinen mit Plüschfiguren und es gibt Vitrinen, die die Produkte von berühmten Nürnberger Spielzeugfirmen zeigen – zum Beispiel von Bing, Lehmann und Schuco.

Die Sammlung hat die Familie Lydia und Paul Bayer seit den 1920er Jahren zusammengetragen. Helmut Schwarz und Marion Faber haben die Genese des Spielzeugmuseums von 1971 bis 2019 als Buch mit dem Titel „Spielräume“ detailliert mit über 700 Abbildungen zusammengestellt.


Buchtitel "Spielräume" von Heltmut Schwarz und Marion Faber, 2019

Jens Junge: „Weltmuseum“ klingt ziemlich anspruchsvoll. Wie kann ein regionales Spielzeugmuseum denn so einen Titel tragen und verteidigen?


Karin Falkenberg: Wenn wir anschauen, was alles Spielzeug ist und was alles Spielzeug sein kann, dann kommen wir auf eine ganze einfache Formel: Ding + Phantasie = Spielzeug. Alles in unserer Welt kann Spielzeug sein. Und alles ist Spielzeug, denn wir Menschen spielen ständig, ohne dass es uns bewusst ist. Wir spielen Karten oder Computerspiele, wir spielen und messen uns im Sport, wir spielen Theater, wir spielen mit Gedanken, Worten oder mit der Liebe. Unser „Zeug zum Spielen“ ist so vielfältig, wie unsere Welt.


Jens Junge: Aber wie kann man diese Vielfalt in einem Museum darstellen? Wie kann aus dem Spielzeugmuseum mit begrenzter Ausstellungsfläche ein „Weltmuseum“ werden? Spielzeug kann ja wirklich alles sein: Persönliche Kinderschätze vom Kastanienmännchen bis zum Star Wars Universum. Spielzeug ist Phantasie, Magie, Freiheit und Unbeschwertheit! Wie bekommt man da Struktur rein?


Karin Falkenberg:
Spielzeug – das sagt zum Beispiel Hein Retter in seinem Standardwerk „Spielzeug“ – ist „Die Welt im Kleinen“. Für das neue Konzept des Spielzeugmuseum haben wir eine allgemeingültige, universelle Struktur entwickelt. Die neuen Erzählungen des Spielzeugmuseums – in der Museologie werden sie „Narrative“ genannt – sind weltweit gültige Aussagen zur Menschheit. „Anthropologische Konstanten“ heißen sie in der Ethnologie. Denn wenn Spielzeug verkleinert die ganze Welt widerspiegelt, dann befindet sich diese kleine Welt im Spielzeugmuseum.


Dr. Karin Falkennberg: "Spielzeug - Die Welt im Kleinen"


Jens Junge: Und was kann ich mir unter „Anthropologischen Konstanten im Spielzeugmuseum“ vorstellen?


Karin Falkenberg:
Es sind allgemeingültige Aussagen, die in Grönland genauso gelten, wie in Australien. Zum Beispiel: „Menschen sind überall anders und überall gleich!“ In Spielzeugkategorien gedacht, ist die Puppe das Abbild des Menschen. Genauso, wie wir Menschen uns äußerlich – in unserer Kleidung, unseren Moden und unseren Hautfarben – überall auf der Welt unterscheiden, so unterscheiden sich die Puppen. Und doch sind es immer Puppen. Und wir sind immer Menschen. Oder eine andere anthropologische Konstante heißt: „Alle Menschen werden geboren und sterben.“ In Spielzeugkategorien gedacht, zeigen wir Babyrasseln ebenso wie Leichenwagen als Spielzeugautos. Mit der Sammlung des Museums können wir umfassend darstellen, was uns Menschen auf der ganzen Welt verbindet.


Modelle der Welt, sehr realsitische Spielzeugautos von Schuco, Nürnberg

Jens Junge: Und was haben diese weltweit gültigen Aussagen mit Nürnberg zu tun? Könnte das Spielzeugmuseum nicht auch in Neuseeland stehen? Oder auf Island?


Karin Falkenberg: Nein, auf keinen Fall! Die Spielsachen, mit denen wir im Museum Weltgeschichte erzählen, kommen alle aus Nürnberg! Nürnberg ist die Spielzeugstadt – hier gab es allein im 19. und 20. Jahrhundert über 700 Firmen, die Spielzeug hergestellt haben. Die ersten Nachweise der Nürnberger Spielzeugherstellung stammen aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Aus dem 13. Jahrhundert haben wir Nürnberger Puppen – Docken genannt – und aus dem 14. Jahrhundert schriftliche Nachweise, dass es in Nürnberg Puppenmacher gibt, die von diesem Beruf leben. Die Spielzeughändler sind bei der Fülle der Spielzeugunternehmen noch gar nicht mitgezählt. Heute treffen sich die Firmen, die Spielzeug herstellen und damit handeln, jedes Jahr seit mehr als 70 Jahren auf der Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg. Nürnberg hat das Zeug zum Spielen wie sonst keine zweite Stadt auf der ganzen Welt.


Spielwarenmesse Nürnberg, seit über 70 Jahren internationaler Treffpunkt


Jens Junge: Spielzeug hat „Aufforderungscharakter“, aber im Spielzeugmuseum sind die Objekte in Vitrinen. Die Besucherinnen und Besucher können sie anschauen, aber nicht anfassen. Wird das so bleiben?


Karin Falkenberg: Für Erwachsene sind die Vitrinen kein Problem, aber Kinder sind oft enttäuscht. Allein das Wort „Spielzeug“ im Namen des Museums vermittelt, dass das Haus ganz besonders gut für Kinder geeignet ist, weil es ums Spielen geht. Beim Thema Spielen sind Kinder Profis. Künftig werden die einzigartigen und wertvollen Spielsachen natürlich weiterhin geschützt bleiben. Zugleich arbeiten wir mit dem „Prinzip der überwundenen Vitrine“, das heißt: Es gibt vor und neben den Vitrinen inhaltlich passende, neue Spielsachen zum Anfassen und Begreifen und Spiele zum Ausprobieren. Mir liegt am Herzen, dass gerade junge Museumsbesucherinnen und -besucher vom Spielzeugmuseum begeistert werden, denn Kinder sind das Publikum von morgen. Und zwar für alle Museen.


Jens Junge:
Das Spielzeugmuseum ist also eine Art Einstiegsmuseum. Verstehen Kinder denn schon Universalgeschichte?


Karin Falkenberg: Museen sind Orte der Kontemplation, des Lernens und des Entdeckens. Universalgeschichte ist schwierig für Kinder, aber Kinder verstehen Spielzeug und kommen damit an die Idee des Museums heran. Viele Kinder haben ein Lieblingsspielzeug, ein geliebtes Kuscheltier, ein Lieblingsauto oder ein Spiel, das sie gerne spielen.

Mit diesem Impuls holen wir sie gleich am Haupteingang ab. „Spielzeug ist Emotion, ist Gefühl, ist Leben“ heißt die erste Geschichte, die das Spielzeugmuseum künftig erzählt. Es ist eine Geschichte, die so oder in ähnlicher Form schon vielen Menschen schon passiert ist. Eine Tante fährt mit ihrer Nichte mit dem Zug in den Urlaub. Mit dabei ist der Teddybär „Bärbär“. Der Zug hält, die Tante und das Mädchen steigen aus, der Pfiff ertönt, der Zug fährt wieder an. In diesem Moment bemerkt das Mädchen, dass sie Bärbär im Zug liegengelassen hat. Die Tante springt zurück in den Zug, greift Bärbär und schafft es gerade noch, aus dem bereits anfahrenden Zug zurück auf den Bahnsteig zu hüpfen. Die Geschichte lebt von der Angst um den Verlust eines heißgeliebten Familienmitglieds, denn Bärbär ist zwar Spielzeug, aber er hat in der Phantasie des Mädchens eine Seele.

Teddybär - Objekt + Phantasie = Spielzeug, Ding und Emotionen: Bärbär

Dahinter steht die biografische Bedeutung von Lieblingsspielzeug: Die Transformation von Materie zu Geist. Und dahinter steht, dass unsere Welt aus vielen wertvollen, glücklichen und spannenden Momenten wie einer Urlaubsreise besteht, in denen immer die Gefahr lauert, dass diese Momente von einer Sekunde zur nächsten kippen können. Spielzeug-Liebe hießt auch: Vertrauen spüren, Verantwortung lernen und Erwachsenwerden. Solche Geschichten rühren an, weil sie Menschheitsgeschichten sind.


Jens Junge: Das heißt, das Spielzeugmuseum wird ein emotionales Museum?


Karin Falkenberg: Ja, auf jeden Fall!


Jens Junge: Laut der Definition des Internationalen Museumsrats (ICOM e.V.) ist ein Museum immer auch eine wissenschaftliche Einrichtung. Wie kann ein emotionales Weltmuseum zugleich Wissenschaftshaus sein?


Karin Falkenberg: Das Spielzeugmuseum wird künftig sowohl weiterhin klassisch-analog als auch als digitales Museum auftreten, denn die 1.400 qm Ausstellungsfläche reichen bei Weitem nicht, um die universellen Themen unserer Welt mit Nürnberger Spielzeug darzustellen. Deshalb wird das Digitale Spielzeugmuseum die Themen wissenschaftlich vertiefen und zusätzlich eine partizipative online-Plattform darstellen, auf denen sich Sammlerinnen und Sammler, die oft über hochdifferenziertes Fachwissen zu ihrem jeweiligen Spezialgebiet verfügen, präsentieren können. Zudem hat das Spielzeugmuseum eine weltweit einzigartige und umfassend breite Spielzeugsammlung von über 90.000 Objekten.

Diese Spielsachen zeigen die Spielzeuggeschichte und -gegenwart Deutschlands und der Welt. Diese Sammlung ist digital inventarisiert und weltweit online zugänglich. Damit bietet das Spielzeugmuseum eine demokratische und für alle öffentlich zugängliche Lehr- und Forschungssammlung für wissenschaftliches Arbeiten an, die es in dieser Form kein zweites Mal gibt.

Spielzeugeisenbahn, Nachstellung der Szene um den "Adler", 1835, Nürnberg


Jens Junge: Wie will man eine so große Aufgabe allein über den kommunalen Haushalt der Stadt Nürnberg langfristig finanzieren? Braucht es dazu nicht Unterstützung von Landes- oder Bundes- und EU-Geldern? Es geht ja schließlich um ein Weltmuseum!


Karin Falkenberg: Auf der Grundlage des neuen Konzeptes ist es das Ziel, wissenschaftliche und weitere öffentliche Partnerinstitutionen nach der anstehenden Umbauphase zur Mitarbeit einzuladen. Gerade das Spiel ist in der Lage, Zugang zu den oft sehr komplexen Themen unserer Welt zu vereinfachen. Und das schafft es bei Themenfeldern, die völlig unterschiedlich sind.

Spielwissenschaften sind damit der Forschungszweig, der demokratisch Wissenschaftsfelder öffnet und die zahlreichen Perspektiven sonst vereinzelter Wissenschaftsdisziplinen verbindet. Dafür brauchen wir ein eigenes Institut für Spielwissenschaften in Nürnberg, der Spielzeugstadt, die das „Zeug zum Spielen“ hat. Und dieses „Zeug zum Spielen“ jetzt auch für die Forschung adäquat zugänglich und zukunftsfähig macht.

Ägyptisches Brettspiel "Senet" mit historischen Spielsteinen aus der Sammlung Max Kobbert


Jens Junge: Hui! Das hört sich ja schon richtig konkret an! Jetzt wird es spannend!


Karin Falkenberg: Ja, Gespräche laufen. Wir setzen diesen Impuls in die Köpfe und Herzen der Nürnbergerinnen und Nürnberger. Die Stadt muss sich verändern, damit sie das bleibt, was sie ist: Die Spielzeugstadt, die Stadt des Spiels, die die Welt zusammenbringt.


Jens Junge: Lassen Sie uns möglichst bald das Gespräch fortsetzen. Wir sehen zu, was wir vom Institut für Ludologie dazu beitragen können. Vielen Dank für das Gespräch, bis bald!

 

Weiterführende Links Spielzeugmuseum Nürnberg

Website Spielzeugmuseum Nürnberg

Eintragung über Karin Falkenberg auf Wikipedia

Begriffe: Spielen, Spielzeug, Regelspiele (Play, Toy, Game): Spielen? Was ist das?

Spielzeugmuseum Nürnberg - Hat das Zeug zum Spielen, zur Geschichte der Sammlung Lydia Bayer und zum Spielzeugmuseum: Hier.

Youtube-Interview mit spielen.de aus dem Frühjahr 2019:
Teil 1, Karin Falkenberg zum Spielzeugmuseum, Teil 2 zum Spielzeugzeugmuseum, dem Förderverein und der Kulturhauptstadtbewerbung.

Interview mit Karin Falkenberg für "Guten Abend Franken" vom Frankenfernsehen.tv:
Nürnberger Spielzeugmuseum: Mit einer Sanierung zurück zum alten Glanz

Sendung vom 19.06.2020

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Spielzeugmuseum Nürnberg (städtische Website der Museen)
Öffnungszeiten: Di.-Fr., 10-17 Uhr, Sa.+So. 10-18 Uhr, Mo. geschlossen.
Telefon: 0911-2313164
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