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Was Spiel und Zufall mit unserem Leben zu tun haben

Was ist eigentlich alles Zufall? Was hat das mit Spiel zu tun? Warum sollten wir uns in einer sich ständig verändernden, unsichereren, komplexen und mehrdeutigen Welt mit beiden Phänomen auseinandersetzen? Wie können wir den Zufall begreifbar und kontrollierbarer machen? Das Wunder des Lebens hängt an so vielen Zufällen. Spiel als Methode, beschrieben und erklärt durch die Spielwissenschaften, bildet die Grundlage, um mit Freude und Optimismus die realen Herausforderungen der Welt verstehen, bearbeiten und lösen zu können. Wenn wir spielerisch lernen mit dem Zufall im Rahmen der Notwendigkeiten umzugehen, dann kann Zukunft nachhaltig gemeinsam gestaltet werden.

Die Grundphänomene des Menschen, mit der uns umgebenden Natur, der Liebe, der zur Existenzsicherung notwendigen Arbeit, der sich entwickelten Herrschaftssysteme sowie dem Tod sind alle samt eng mit Zufall verbunden. Mit dem Spiel versuchen wir diese Welt begreifbar zu machen.

 

Zufall, Spiel und Würfel

Spiel mit dem Zufall

1. Die Welt und das Leben ein Zufall?

Wenn Spiele ein Abbild, ein Modell des Lebens und der Gesellschaft sind, in denen wir Wirklichkeit simulieren, Realität variieren, uns in einem geschützten Zauberkreis der Spielerlebnisse ausprobieren, Erfahrungen machen, die uns das reale Leben nicht liefert, wir mit unserer wahrgenommenen Welt in einen Dialog treten – dann darf der Zufall nicht fehlen.

Selbst bei einem solch abstrakten, rein strategischem Kriegsspiel, wo zwei Armeen mit König, Dame, Türmen, Läufern, Pferden und Bauern auf einem Schachbrett aufeinandertreffen, kann der Zufall eine Rolle spielen: Farbenwahl, schwarz oder weiß, wer darf anfangen und macht den ersten Zug?

Unser menschliches Leben funktioniert nun aber nicht so planvoll und berechenbar, wie ein Schachspiel.

Es brauchte Jahrzehnte, bis der Computer Deep Blue von IBM 1996 bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung besser war, als der damals amtierende Schachweltmeister Garri Kasparow (*1963). Doch wenn das Leben ein Spiel ist, dann ist dieses mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht so berechenbar, wie ein Schachspiel, das nach dem Sieg von Deep Blue eher wie ein lösbares Rätsel erscheint, weil ja alle Informationen offen liegen und nur noch berechnet werden müssen.


Brett- und Kriegsspiel Schach, nur ein Zufall am Anfang, dann schlagen die Armeen in einem Wettbewerb strategisch auf einander ein. Alle Informationen liegen offen, es gibt keine Zufälle. Das Spiel ist eigentlich nur noch ein lösbares Rätsel.

Unser Leben ist (bisher) nicht absolut planbar oder berechenbar. Wir haben uns ehrfürchtig mit dem Zufall zu beschäftigen, wenn es um das Spiel des Lebens geht. Schon die Entstehung eines Menschen erscheint wie ein Glücksspiel. Wenn sich 50 Millionen Samen auf den Wettlauf zu einer Eizelle begeben, dann kann (bisher) niemand berechnen, wer Gewinnerin oder Gewinner sein wird. Menschen sind damit viel mehr als nur ein Lottogewinn, wo in Deutschland die Gewinnwahrscheinlichkeit für 6 Richtige bei 15.537.573 liegt. Und selbst mit Superzahl… dann liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Gewinn bei 1 : 139.838.160. Wie kam es überhaupt dazu, dass sich Deine Eltern unter heute inzwischen 7,92 Milliarden Menschen (2021) gefunden haben?

Bei dem Phänomen Zufall fällt uns also auf, wenn uns Menschen etwas zufällt, dann hängt das tatsächlich mit der Frage nach der Welt und der Entstehung des Lebens zusammen.

2. Spielerische Ereignisse

Wir Menschen nehmen unsere Umwelt und die darin stattfindenden Ereignisse wahr. Unsere Sinnesorgane liefern uns Informationen und unser Gehirn bemüht sich redlich – mal weniger, mal mehr erfolgreich – Muster, Ordnungen, Regelmäßigkeiten oder gar Gesetze zu erkennen. Das tut uns dann gut. Wir fühlen uns sicher, wenn uns nichts Unvorhergesehenes bedrohen kann. Alles unter Kontrolle, keine Gefahr und wir können gut schlafen. Nun ist es aber auch so, dass wir Menschen nicht alle gut mit dieser Langeweile umgehen können. Wir suchen gern einmal das Unbekannte auf, sind neugierig, erkunden die Welt, wollen sie verstehen, mehr Muster erkennen, Phänomene begreifen, verstehen, wir riskieren was, fordern den Zufall und unser Schicksal heraus.

2.1. Absoluter Zufall

Gibt es Ereignisse, die ohne feststellbare Ursache stattfinden? Kann es überhaupt einen „freien“ Willen des Menschen geben? Spukt unser energiegeladenes Gehirn nicht auf der Grundlage irgendwelcher chemischer und elektrischer Prozesse dann doch wegen dieser benötigten Ressourcen einigermaßen determiniert um sich herum? Der Indeterminismus geht davon aus, dass nicht alle Ereignisse irgendwelche identifizierbaren Vorbedingungen oder Ursachen haben müssten. Wenn das so wäre, dann gäbe es einen „absoluten“ Zufall, also etwas aus dem Nichts. Aber woher kommt das Universum? War der Urknall ein absoluter Zufall? Aber irgendetwas muss es doch auch vorher gegeben haben. Eine Singularität? Aber wo kommt die her? Es bleibt die Kinderfrage unbeantwortet: „Wenn Gott alles gemacht hat, wer hat denn Gott gemacht?“


Urknall-Theorie: Beginn des Universums vor 13,8 Mrd. Jahren, Entstehung von Materie, Raum und Zeit aus einer Anfangssingularität heraus

2.2. Ein Zufall ohne erkennbare Ursache

Die menschliche Erfahrung lehrt, dass uns diese Hypothese des absoluten Zufalls nicht befriedigt. Wir vermuten hinter einem für uns zufälligen Ereignis einen möglichen Erklärungsansatz. Wir können uns ein Ereignis nur noch nicht erklären, weil wir die Regeln und Naturgesetze dahinter noch nicht komplett verstehen. So begeben wir uns vielleicht auf die Suche, ob es nicht doch Ursachen geben könnte. Wie kann es sein, dass ich tausende Kilometer entfernt von zu Hause, beim Strandspaziergang im Sommerurlaub, meinen Nachbarn treffe? Haben solche Überraschungen einen Grund? "Damit habe ich nicht gerechnet!" Wir sind nur erstaunt.

Überraschungen, unvorhersehbare Ereignisse, Unerklärliches sorgt für Erstaunen bei Mensch und Tier

 

2.3. Ein Zufall ohne messbare Ursachen

Haben wir Einflussfaktoren identifiziert, die möglichen Ursachen für Ereignisse eingekreist, dann könnten wir sie ja unter unsere Kontrolle bringen, unsere Ziele verfolgen, ihnen unseren Willen aufzwingen, unsere Umwelt in unserem Sinne und zu unserem Nutzen gestalten. Es kann auch sein, dass wir zwar die Einflussfaktoren erkannt haben, sie aber nicht exakt berechnen können. Und weil sie nicht empirisch nachweisbar sind, sie sich nicht messen lassen, reden wir vom Zufall und kippen trotzdem die Milch in unseren Morgenkaffee, auch wenn wir nicht wissen, warum sich das Weiß im Braun nun so oder so verteilt. Wir beobachten dann Zufälle und spielen mit ihnen.


Milch verteilt sich "zufällig" im Kaffee und wir kennen
nicht das dazu gültige physikalische Gesetz

 

2.4. Zwei zufällig parallele Ereignisse oder ein belegbarer Zusammenhang?

Wenn wir nun zwei Ereignisse wahrnehmen, die gleichzeitig stattfinden, sprechen wir auch vom Zufall, wenn wir keinen Zusammenhang sehen oder aus machtpolitischen Gründen nicht sehen wollen. Klimaveränderung, Erderwärmung und der Lebensstil der Menschen, die sich mit Hilfe von fossilen Brennstoffen ein historisch einmaliges Wohlstandsniveau erschaffen haben, das soll „plötzlich“ zusammenhängen? Statistiker wissen mit Korrelationen umzugehen und sie schließen Zufälle mit einer fundierten Wahrscheinlichkeitsrechnung aus. Leugner der Klimakrise versuchen sich mit angeblich natürlichen Zufällen die Situation schön zu reden, um nicht handeln zu müssen.

Die für die industrielle Massenproduktion notwendigen fossile Brennstoffe heizen wissenschaftlich belegt das Klima der Erde auf. Leugner der Klimakrise nutze den Verweis auf einen Zufall als Ausrede.


Mythen und Theorien sind bei Menschen beliebt, auch wenn wir eigentlich wissen, dass die Wirklichkeit anders ist. Der Storch bringt die Babys. Klar. Wie sollte es anders sein? Was sind das jedoch für Ursachen, wenn die Geburtenrate der Babys in einem ländlichen Dort genauso stark steigt, wie die Anzahl der Störche? Zufall? Kindliche Erklärungsansätze könnten wohl schnell widerlegt werden, auch wenn die Statistik eindeutig ist: Mehr Störche = mehr Kinder. Aber vielleicht hängen beide Ereignisse mit einer intakten Natur zusammen? Oder doch gar nicht? Beide Zahlen steigen zufällig parallel nebeneinander mit unterschiedlichen Ursachen?


Mythen, Märchen und Statistiken können zufällige Ereignisse als Ursache
miteinander verbinden

 

 

2.5. Sinnerfüllte Zufälle

Wenn zwei Ereignisse zeitlich oder räumlich zusammenfallen und sie sich gut ergänzen, etwas Schönes passiert, es kein Mensch beabsichtigt hat und es trotzdem passiert, spricht man von einer Koinzidenz (aus lat. con, „gemeinsam“ und incidere für „vorfallen“), und vielleicht vermuten wir einen kausalen, ursächlichen größeren Zusammenhang, fühlen uns beschenkt, wertgeschätzt, entwickeln eine Dankbarkeit an das Leben, die Natur, einen Schutzengel oder einen Gott, der uns beschützt, lenkt und leitet. Wir können manches Mal unser Glück gar nicht fassen, ein Ereignis erscheint uns unglaublich, weil es aus dem Alltag oder dem Gewohnten heraussticht. So etwas versucht unser Gehirn einzuordnen, es fängt an, nach einem Plan, einer Ursache, einem Grund zu suchen und da ist ihm oft eine schnelle Antwort sehr lieb.


Freude und Glück, vergängliche Gefühle, aber immer wieder gerne empfunden


Mit Freude und Glück, diesen vergänglichen Gefühlen, feiern Menschen gerne das Leben und entwickeln daraus Zufriedenheit und Dankbarkeit. Die Zufälle des Lebens beschenken uns, meinen es gut mit uns, wir vertrauen dem Leben.

Manche Menschen mißtrauen jedoch bestimmten zufälligen Phänomenen und sind bemüht, Zusammenhänge und Gründe ideenreich ohne Fakten zu formulieren, um andere Menschen von ihrem Geheimwissen zu überzeugen. Dies ist der Nährboden für Verschwörungstheorien. Ein berühmtes Beispiel sind die Chemtrails, die zufällig am Himmel entstehenden Kondensstreifen von Flugzeugen, die dort am Himmel unterwegs sind, um uns angeblich zu vergiften, die Bevölkerung soll reduziert werden etc.



Seit 1996 wird im Internet die Verschwörungstheorie verbreitet, dass es Flugzeuge gäbe, die z.B. an der gezielten Bevölkerungsreduktion mit dem verbreiten von Chemikalien arbeiten (Chemtrails). Die sich unerklärlichen gebildete Kondensstreifen können nicht zufällig sein und so müsste doch ein geheimer Plan mit dem Versprühen von Chemikalien hinter der Sache stecken...

 

3. Veränderung, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeiten

Undurchschaubare Regeln, nicht nachvollziehbare Ordnungen oder spontane Zusammenkünfte unkontrollierbarer Ereignisse wecken unsere Aufmerksamkeit. Wir stellen uns die Frage, ob wir sie beeinflussen oder für uns positiv verändern können. Mögliche Gefahren und Risiken, die uns bedrohen, saugen mehr und schneller unser Interesse ab, als dass wir uns locker, leicht, spielerisch, entspannt den Möglichkeiten und Chancen widmen. Kontrolle zu erlangen, Sicherheit herzustellen, Probleme zu benennen und sich vor Zufällen schützen zu können, da erwarten wir von staatlichen Organisationen und Politikern gerne Hilfe.

Mit seinem Buch "Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne" hat der Soziologe Ulrich Beck (1944-2015) im Jahre des GAUs mit der Tschernobyl-Katastrophe 1986 ein zentrales Schlagwort geprägt. Nach seiner Auffassung durchleben wir innerhalb unser modernen Gesellschaft einen Bruch, der die klassische, kapitalistisch geprägte Industriegesellschaft zu einer Modifikation zwingt. Mit der Produktion von wachsendem Reichtum geht die entsprechende Steigerung von Risiken einher.

Nach dem Fall der Mauer 1989, dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und der sich dann dadurch auflösenden Ost-West-Konfrontation um das bessere Gesellschaftssystem, verschwammen die Grenzen zwischen Gut und Böse schneller. Es wurden die zunehmend schwierigeren Rahmenbedingungen und Herausforderungen einer zukünftigen Menschheit deutlich. Der Begriff der VUCA-Welt gelang aus den USA nach Europa: Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity.

3.1. Veränderung (Volatility)

Ereignisse treten mit mehr Vehemenz auf. Extremsituationen treten häufiger auf (Unwetter etc.). Aufgrund der Digitalisierungen erhöht sich der Veränderungsdruck bei Institutionen und in der Wirtschaft radikal. Daten, Informationen und Wissen flitzen rasant um den Globus, sorgen für Überreaktionen, lösen Kettenreaktionen aus und sorgen für weitere Beschleunigungen. Die Welt wird unberechenbarer, hektischer. Platzregen sorgt für Überschemmungen, wo früher kein Hochwasser war, Hitzerekorde sorgen für große und zahlreiche Waldbrände, wo früher alles "normal" war. Wirbelstürme brechen sich mit neuen Rekordgeschwindigkeiten über Landstriche ihre vernichtende Bahn.


Hochwasser durch Platzregen, Waldbrände durch Hitze oder stark steigende und fallende Aktienkurse stehen für die Volatilität

 

3.2. Unsicherheit (Uncertainty)

Unvorhersagbarkeit von zukünftigen Ereignissen (aktuell Trump, Brexit etc.) erschüttern mit ihren sozialen, ökologischen und ökonomischen Konsequenzen die Weltgemeinschaft. Sicher geglaubte Regeln werden plötzlich in Frage gestellt. Fake-News und AfD-Propaganda werden zur Zerstörung bestehender Ordnungen eingesetzt. Die zum Teil bewusst gesteuerte Unkenntnis über die Relevanz von wissenschaftlich belegten Einflussfaktoren sollen Ängste, emotional angetriebene Unsicherheiten und Identitätskrisen auslösen (Flüchtlinge, Impfung, Klimawandel etc.), um Machtpolitik gestalten zu können.


Mit Lügen gewinnt Boris Johnson die Abstimmung um den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (Brexit)

Mit mehr als 22.000 dokumentierten Falschaussagen, Lügen und irreführenden Behauptungen spaltet der US-Präsident Donald Trump sein Land. Desinformationen und "alternative Fakten" werden zu seinem Führungsstil. Damit verunsichert er als Präsident einer (ehemaligen) Weltmacht zahlreiche Freunde, Bündnispartner und Feinde. "America first".

 

3.3. Komplexität (Complexity)

Die Welt ist durch Verkehrswege, Arbeitsteilung, Handelsströme und Kommunikationssysteme inzwischen so intensiv miteinander analog und digital vernetzt, dass Gesellschaften innerhalb dieser komplexen Systeme kaum noch direkt regional oder national komplett zu beeinflussen sind. Für so manche sozialen, ökologischen und ökonomischen Phänomene ist ein Komplexitätsgrad erreicht, bei dem viele Menschen nicht mehr wissen, an welchen Stellschrauben zu drehen sei, welche Einflussfaktoren ein Ereignis überhaupt maßgeblich bestimmen.


In der globalisierten Arbeitsteilung sind Warenströme immer komplexer zu koordinieren und werden nationale Wirtschaftssysteme für Störungen und Lieferausfälle anfälliger (s. Szueskanal, Pandemie etc.)

 

3.4. Mehrdeutigkeit (Ambiguity)

Die Eindeutigkeiten bei Bewertungen und Sortierungen fallen immer schwerer. Was ist richtig, was ist falsch? Beschreibungen eines Ereignisses benötigen immer mehr Perspektiven, um es ganzheitlicher erfassen zu können. Heterogenität, Vielfalt wird benötigt, um gemeinsam Probleme zu lösen, wo früher eindeutige Ansagen von Autoritäten in einem Hierarchisystem ausreichten. Wenn Zusammenhänge nicht mehr eindeutig erkannt werden, eignen sich frühere Problemlösungen nicht mehr für zukünftige Herausforderungen und es stellt sich die Frage, was sind "legitime" Entscheidungen? Viel mühsamer ist es nur noch möglich, unter erhöhten Aufwand ein gemeinsames Verständnis von Realität oder gar verbindenden Zielen zu erzeugen.


Mehrdeutigkeiten, andere Sichtweisen, vielen Perspektiven, Mißverständnisse, Unterstellungen, falsch angenommene Selbstverständlichkeiten liefern Konfliktpotential

Die VUCA-Welt verändert Organisationen, Institutionen und traditionelle Ordnungen sowie kulturelle Überzeugungen gravierend. Es ist viel in Bewegung und noch keiner weiß, wohin die Reise der Menschheit führt. Wie will man sich in einer solchen komplexen, dynamischen, mehrdeutigen und unsicheren Welt zurechtfinden? Da liegt es doch sehr nahe, sich mit dem Thema Zufall und Spiel intensiver zu beschäftigen, wenn wir nicht den Optimismus verlieren wollen.

3.5. Gefährliches Leben

Mit Blick auf die Anthropologie stellen wir jedoch auch fest, dass die Menschen seit jeher mit Risiken zu tun hatten (Wohnen am Vulkan Vesuv in Pompeji, 79 n. Chr.) oder mit unerklärlichen Zufällen bei Seuchen und Pandemien, die als Gottesurteil wahrgenommen wurden (z.B. die Pest im 14. Jahrhundert als "Schwarzer Tod"), obwohl doch "nur" Flöhe die Krankheit von Tieren auf den Menschen übertrugen.

Wenn zufällige Ereignisse unerklärlich sind, dann suchen wir Menschen nach Gründen und Ursachen, weil das Nichtwissen und die damit verbundene Hilflosigkiet unerträglich erscheinen. Dabei werden sehr schnell die Schwachen oder Minderheiten in einer Mehrheitsgesellschaft zu Opfern. So können Unschuldige für das ansonsten unerklärliche Phänomen zur Verantwortung gezogen werden, ein trauriges Muster menschlichen Verhaltens. Den europäischen Juden wurden Brunnenvergiftungen und Giftmischerei unterstellt von den Christen während der Pest unterstellt, was zu Judenpogromen (1348-1351) mit der Ermordung, Verbrennung bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen und Auslöschung ganzer jüdischen Gemeinden führte.


Verbrennung der Juden bei lebendigem Leib vor den Mauern der Stadt in Flandern

Wenn wir Menschen die Zufälle des Lebens und der Natur nicht ergründen, sie nicht entschlüsseln wollen, können die Menschen, die einfache Antworten auf die komplexen Fragen des Lebens brauchen, sehr unmenschlich werden – von Diskriminierung bis Mord. Diese Abgründe des Zufalls sind eine anthropologische Konstante und keine neuzeitliche Einzigartigkeit.


4. Den Zufall begreifbar machen

Wissenschaft hat die Aufgabe, unbegreifliche Phänomene zu beschreiben, zu erklären und Empfehlungen für Entscheidungen zu liefern, damit wir Menschen eben nicht nur den Zufällen der Natur ausgeliefert sind. Das Leben und deren Zusammenhänge waren schon immer komplex. So versuchen Wissenschaftler ihre Erkenntnisse in Formeln, Strukturen, Modelle und Systembeschreibungen zu pressen, damit sie verstanden werden, so wie z.B. Albert Einstein (1879-1955) mit seinem Naturgesetz der Äquivalenz von Masse und Energie im Rahmen seiner speziellen Relativitätstheorie: E = mc².

So wie die Kirchenvertreter die Existenz Gottes nicht beweisen können, können Wissenschaftler oft den Zufall nicht mit Naturgestzen beweisen. Sie können nur Ursache-Wirkungszusammenhänge darstellen und vielleicht diese beschriebenen Ereignisse mit einem Wahrscheinlichkeitswert des Eintreffens formulieren. Aber irgendwann ist auch ein Schwan schwarz und nicht weiß. Aus diesem Grund entsteht das Problem, dass es immer Menschen geben wird, die den Zufall verneinen und mit ihrem "Geheimwissen" tiefschürfende Begründungen liefern, warum hinter einem Ereignis ein großer Plan stecken muss.


Das Bild des schwarzen Schwanes (überraschende, zufällige Genetik)
steht für die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, die
trotzdem irgendwann eintreten.

 

4.1. Der eingeschränkte Mensch

Nun muss nicht jeder Impfgegner und Verschwörungstheoretiker ein "böser" Mensch sein. Alle Menschen haben körperliche und geistige Einschränkungen. Was ist schon normal? Was ist behindert? Kein Mensch ist perfekt. Nur weil jemand den Zufall und die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu negiert, muss er nicht verrückt sein. Vielleicht ist einfach nur in seinem Gehirn der limitierte Arbeitsspeicher mit anderen Dingen belegt, mit Glaubenssätzen, Normen, Werten und Einstellungen, die die Wahrnehmung und Erkenntnis von Zusammenhängen blockieren?

Der US-amerikanische Psychologe George Armitage Miller (1920-2012) veröffentlichte 1956 die so wichtige Erkenntnis, dass ein Mensch gleichzeitig in seinem Kurzzeitgedächtnis nur 7±2 Informationseinheiten verarbeiten kann, die sogenannten "Chunks".

In Europa spüren wir bei jeder Überweisung, wenn wir die von der EU standardisierten IBANs bei einer Banküberweisung eingeben sollen, was das bedeutet. Früher, als sie nur fünf oder sieben Ziffern hatten, konnte man sich noch Kontonummern merken. Heute schaffen nur wenige Menschen, sich die 22 Zeichen in einer langen Kette zu merken. Selbst beim Abschreiben freuen wir uns über jeden Kontoinhaber, der uns seine IBAN in einzelnen Blöcken präsentiert. DE56200100200986638202 liest sich viel schwieriger, als DE56 2001 0020 0986 6382 02, besonders, da vor allem noch viel mehr Nullen bei vormals einfachen Kontonummern in der IBAN aufgereiht anscheinend sinnlos herumstehen.

Bei Navigationsleisten an einer Website mit mehr als sieben Begriffen zum Anklicken sind wir Menschen meist überfordert. Wir klicken dann lieber gar nicht, weil uns der Überblick und das damit verbundene Kontrollgefühl fehlt. Bevor wir etwas falsch machen, machen wir lieber nichts. Dies beschreibt wunderbar das Freiheitsparadoxon, in dem wir oft feststecken. Je mehr Auswahl und Informationen wir haben, desto schneller schrecken wir vor einer Entscheidung und einer ausführenden Handlung zurück. Wir sind überfordert, haben keinen Überblick, keine Kontrolle und wollen keinen uns vielleicht selbst gefährdenden Zufall zulassen.

4.2. Überforderungsbewältigung im Spiel

Wenn wir die Ursachen und Zusammenhänge eines Ereignisses nicht überblicken, reduzieren wir (hoffentlich) das Risiko einer Fehlentscheidung durch Untätigkeit, gehen zum Arzt oder fragen die Wissenschaft. Die hat sich seit ein paar Jahrhunderten auf den Weg gemacht, uns das komplexe Spiel des Lebens ein bisschen zu erleichtern. Wie? Natürlich mit Spielen.

Die Inquisition, allen voran Johannes Capistranus (1386-1456), verteufelte das Spiel, lies als römisch-katholischer Wanderprediger Brett- und Kartenspiele wie Würfel öffentlich auf Marktplätzen verbrennen.

Spiele sind immer ein vereinfachtes Modell, ein Abbild der Gesellschaft, es sind Gesellschaftsspiele. Glücksspiele, bei denen es um einen Geldeinsatz geht, sind nicht so zweckbefreit, wie viele andere Spiele. Wenn das aktuelle, moderne Leben uns tagtäglich ca. 25.000 Entscheidungen abverlangt (Stehe ich auf? Was esse ich zum Frühstück? Putze ich mir meine Zähne mit der Zahnpasta, die die blauen Streifen hat? etc.) und fast unzählige Möglichkeiten liefert, so stehen in einem Glücksspiel nur sehr überschaubar Entscheidungen an. Die wissenschaftliche Analyse der Glücksspiele war der Auftakt, die menschlichen Überforderungen mit dem Zufall abzumildern und die Phänomene des Zufalls begreifbar und ertragbar zu machen.


Überforderung durch viele Geister und Gedanken, Spiel als Methode, Entscheidungen
mit guten Gefühlen und sortierten Argumenten zu fällen, hier aus mit einem imaginären
Gesprächspartner, dem Teddy. (Bild: Wolfgang Eckert, anaterate, pixabay)


4.3. Der Beginn der Wahrscheinlichkeitsrechnung

Der italienische Universalgelehrte Gerolamo Cardano (1501-1576) gilt als einer der Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Kombinatorik. "Das Buch der Glücksspiele" (Liber de Ludo Aleae) legte er die Grundlagen der mathematischen Wahrscheinlichkeitstheorie dar und sicherte sich selbst beim Glücksspiel das Geld, das er für seinen Unterhalt benötigte.

Mit dem Schweizer Mathematiker und Physiker Jakob Bernoulli (1654-1705) wurde das Gesetz der großen Zahlen (GGZ) innerhalb der Wahrscheinlichkeitstheorie beschrieben. Dieses Gesetz besagt, dass zwar nicht ein kommendes, einzelnes Ereignis vorausgesagt werden kann, aber bei einem Zufallsexperiment mit identischen Voraussetzungen, z.B. bei Münzwürfen sowie den folgenden, zahlreichen Wiederholungen, mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. 50% jede Münzseite vom Zufall bedacht wird.


Ein Münzwurf ist nicht vorauszuberechnen, aber
bei 1000 Münzwürfen wird eine Gleichverteilung
erkennbar.


Viele gleichartige Ereignisse verdeutlichen ein Muster: Je öfter wir etwas tun, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir ein spezielles Ereignis erzielen. Jedoch heißt es nicht, dass ein Ereignis, dass unterdurchschnittlich eingetreten ist, sich mit einem kommenden, neuen Ergebnis ausgleichen lässt, um seinen Rückstand im Gleichgewichtsbestreben aufzuholen. Wenn die Münze den Kopf und nicht die Zahl zeigt, heißt es nicht, dass der kommende Wurf exakt bestimmt werden kann. Der Zufall bleibt im einzelnen Ereignis und damit vollständig erlebbar. Wir bekommen ihn nicht vollständig vertrieben. Aber er scheint Regeln zu haben, denen wir nachspüren können.

4.4. Induktive Statistik

Mit dem Beginn der ersten staatlichen Strukturen und dem Verlangen nach einem Steuersystem, welches die Administration bezahlen kann, entstand die beschreibende, die deskriptive Statistik und damit die Kulturtechnik des Schreibens und Lesens sowie des Rechnens.  Die Steuereintreiber waren in der Lage, empirische Daten zu erheben und das schon vor der Antike. So wurden die ersten Volkszählungen durchgeführt, damit jeder seinen Teil zum Ganzen beitragen kann.

Aber wie werden sich die Steuereinnahmen in der Zukunft entwickeln? Wie können wir Ereignisse in der Zukunft vorhersagen? Womit können Staatenlenker und Herrscher rechnen?

Mit den Ideen der Wahrscheinlichkeitstheorie aus dem Glücksspiel entwickelte sich die induktive Statistik, die damit auf zukünftige Ereignisse schließende Statistik oder auch Stochastik genannt, ein Teilgebiet der Mathematik.

Die beiden Franzosen Blaise Pascal (1623-1662) und Pierre de Fermat (1601-1665) führten zwischen 1651 und 1654 einen intensiven Briefwechsel, der die Wahrscheinlichkeitstheorie auf der Basis der Analyse der Glücksspiele stetig erweiterte. Es gab ja auch inzwischen Roulette und nicht nur Münzwürfe oder Würfel.


Klassisches Glücksspiel Roulette mit unterschiedlichen Gewinnwahrscheinlichkeiten


Einer der bedeutendsten Mathematiker war Leonhard Euler (1707-1783), der den Begriff der mathematischen Funktion in die Analysis einführte und wichtige Beiträge zur Infinitesimalrechnung lieferte. Mit ihm arbeitete Daniel Bernoulli (1700-1782) zusammen, der 1756 in Deutschland seinen Beitrag "Auszug aus dem Versuch einer neuen Lehre, von dem Maaße der Glücksspiele" in dem Buch "Arten der Spiele" (s. Literatur zu Spieltheorien) veröffentlichte.


Im Buch "Arten der Spiele", ein Auszug von dem "Maaße der Glücksspiele"
von Daniel Bernou(i)lli 1756


Während einer Studienreise nach Venedig 1723 hatte er angefangen, sich ebenso wie seine Vorfahren, mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen in Kartenspielen auseinanderzusetzen. Mit Leonhard Euler verfasste er zusammen mathematischen Analysen zu dem damals sehr bekannten Spiel Pharo.


Historische Spielkarten aus Stralsund von W. Falkenberg (Sammlung Gerd Matthes)

Als weiterer Wegbereiter der Wahrscheinlichkeitstheorie ist der Franzose Pierre-Simon de Laplace (1749-1827) mit seinen Differentialgleichungen zu nennen, wo mit den von ihm beschriebenen Ableitungen der Funktionen viele Naturgesetzte, besonders der Physik, formuliert werden konnten. Zufall kann also im Rahmen gegebener Gesetze und Funktionen als natürliche Entwicklung oder Reaktion beschrieben werden.

Als letztes Mathematikgenie sei Carl Friedrich Gauß (1777-1855) zu nennen, der die induktive Statistik mit seiner Normalverteilung und den entsprechenden Erwartungswerten und der Wahrscheinlichkeitsverteilung geprägt hat. Mit der Dichtefunktion der Normalverteilung konnten plötzlich zufällig erscheinende Ereignisse, deren Lage im betrachteten Zahlenraum und deren Streuungsbreite visualisiert werden.

Normalverteilungen von messbaren Ereignissen als ein wichtiger Typ stetiger Wahrscheinlichkeitsverteilungen (Gauß-Funktion)

Der Zufall hat Regeln, er unterscheidet sich vom absoluten Chaos. Aber den Zufall zu erkennen, macht uns Menschen deutlich, dass wir an einer Stelle blind sind. So können uns als Individum Ereignisse zustoßen, die uns fragen lassen: Warum er? Warum sie? Warum ich? Besonders bei schweren Krankheiten, Unfällen und Katastrophen verstehen wir die Welt nicht mehr und empfinden sie als ungerecht. Gibt es einen kosmischen Babysitter, ein Überwesen, das in der Lage ist, den Lauf der Dinge bis ins Detail zu berechnen, vorherzubestimmen? Dann wäre für uns Menschen die Freiheit nur eine Fiktion und wir der Spielball eines determinierten Spielverlaufs? Da wir Menschen vom Baum der Erkenntnis genascht haben, wäre es wohl unrealistisch, den Zufall auszuschließen, die Verantwortung für unser Leben einem anderen Spiel, einem Als-Ob-Spiel zu überlassen und unser Dasein als unveränderbares, mechanisches Uhrwerk, als ein in Stein gemeißeltes Schicksal zu begreifen.

 

5. Das Wunder des Lebens

Woher das Leben genau kommt und wie genau Tiere und Menschen auf dem Planeten entstanden sind, kann die Wissenschaft bis heute nicht exakt beantworten. Es ist wohl über 4,5 Milliarden Jahre her, als die Erde als heiße Kugel anfing, um die Sonne zu kreisen (Hadaikum) und langsam abzukühlen.

Vor ungefähr 3,8 Milliarden Jahren haben sich wohl die ersten, einfachen Bakterien entwickelt, aus denen dann Einzeller, Mehrzeller und Pflanzen wurden, die Sauerstoff entwickelten. Das Leben mit seiner großen Artenvielfalt begann sich vor 550 Millionen Jahren zu entwickeln. Dieses Zeitalter des Lebens (Phanerozoikum) ist der große, lange Zeitabschnitt, den sich die Wissenschaftler ansehen, wenn es um die Erklärung von der Entwicklung und Veränderung der Lebensformen geht. Der Homo sapiens, unsere heutige menschliche Lebensform als „verstehender, weiser, kluger, vernünftiger“ Mensch, hat sich aus wissenschaftlicher Sicht erst vor 300.000 Jahren angefangen zu entwickeln. Danach sind wir ein Ergebnis von zahlreichen Zufällen und jedes einzelne Individuum kann den Zufällen des Lebens nicht entkommen. Nur eines ist sicher: Der Tod. Das Leben ist ein Kommen und Gehen, auch dort begleitet von Zufällen.

5.1. Veränderung und Stabilität

Das System Mensch wird in einem erstaunlichen Gleichgewicht von Austauschprozessen über viele Jahre natürlich stabil gehalten, von der Sauerstoffaufnahme bis hin zum Stoffwechselprozess der Verdauung. Hoch komplexe Systeme des Lebens halten unseren Organismus bei ausreichender Energiezufuhr, Nahrung, zusammen. Unser Körper organisiert mit natürlichen Programmen in jeder einzelnen Zelle eine kontinuierliche Selbsterneuerung.

Jacques Monod (1910-1976), französischer Mikrobiologe, hat mit Blick auf die Evolutionstheorie 1970 eindrucksvoll beschrieben, wie sich in der "Lotterie der Natur" über einen unvorgesehen Vorfall in der Vererbungsgeschichte, eine Veränderung in eine DNS-Struktur eingetragen kann und diese folglich millionen- oder milliardenfach übertragen wird. Ein solcher Vorgang zeigt nach Monod, wie der Herrschaft des bloßen Zufalls die Macht entzogen wird und eine Herrschaft der Notwendigkeit entsteht (vgl. Monod, J. (1970): Zufall und Notwendigkeit. dtv München, 9. Auflage, 1991). Er kommt schlussfolgernd zu der Aussage: "Bedenkt man die Dimensionen dieser gewaltigen Lotterie und die Schnelligkeit, mit der die Natur darin spielt, dann ist das schwer Erklärbare, wenn nicht beinahe Paradoxe nicht mehr die Evolution, sondern im Gegenteil die Beständigkeit der "Formen" in der belebten Natur." (s. S. 112)

Die chilenischen Biologen Humberto R. Maturana (1928-2021) und Francisco J. Varela (1946-2001) prägten den Begriff der "autopoietischen" Systeme, bei denen sich Lebewesen dadurch charakterisieren, "dass sie sich – buchstäblich – andauernd selbst erzeugen." (s. Maturana, H.; Varela, F.: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Goldmann München 1987, S. 50)

Als Biologen haben sie dabei gezeigt, dass jedoch so komplexe Gebilde des Lebens z.B. durch zufällige Kopierfehler bei der Zellteilung, wo auch Erbinformationen über die DNA weitergegeben werden, zu "zufällige" Erbkrankheiten bei Neugeborenen führen können. Die Evolutionstheorie beschreibt, wie durch das "natürliche Driften" der Genstrukturen Lebenwesen sich von Generation zu Generation verändern können.

5.2. Zufällige Strukturelle Koppelungen und Krankheiten

Bei jedem Menschen findet eine Selbsterhaltung der Zellen durch eine kontinuierliche Reproduktion statt. Jedoch findet die immer im Rahmen einer strukturellen Koppelung mit der Umwelt und eben auch mit Giftstoffen oder Viren, statt. So können Allergien und Krankheiten "zufällig" entstehen, weil sich Zellstrukturen bei der Reproduktion elementar verändern. Solche Veränderungen können ebenso zu einem frühem Tod führen, wenn das Zellwachstum nicht mehr planmäßig erfolgt und es anfängt, zu schnell zu wuchern, Tumore entstehen. So entwickelt sich Krebs in und an inneren Organen oder der Haut.

Es wird eine der größten medizinschen Herausforderungen zukünftig sein, den "zufälligen" Wechsel von der Selbsterhaltung bei der Zellreproduktion hin zur Selbstzerstörung des menschlichen Körpers aufhalten zu können.


Krebspatientin in der Kinderklinik mit imaginärem Gesprächspartner


Dieser ständige Selbsterneuerungsprozess in unseren Körperzellen ermüdet irgendwann, altert. Die Lebensenergie nimmt irgendwann ab. Die Zeit, die uns Menschen zum Leben bleibt, hängt am Zufall. Solange unser Körper die Autopoiese kontinuierlich aufrecht erhalten kann, bleiben die gravierenden Zufälle unter Kontrolle. Aber irgendwann, nach zur Zeit statistisch gesehen, durchschnittlich ca. 80 Jahren, siegt wieder der Zufall und wir Menschen wissen nicht genau, wann unser Körper die materielle Existenz beendet. Die Ordnung des Systems Mensch zerfällt zur Unordnung. Wir werden wieder zu "Staub". Ebenso wie bei uns Menschen mit biologisch definierbaren Zellen, ist es in der Physik unmöglich, im Voraus festlegen zu können, wann ein einzelnes radioaktives Teilchen zerfällt. Es bleibt immer dem Zufall überlassen, wir können es nicht berechnen.


6. Welt begreifen

So wie unser menschlicher Körper ein natürliches System im Austausch mit der Welt ist, so fühlen wir Menschen uns sicher, innerhalb der Ordnungen kultureller Art mit den darin enthaltenen regulativen Ideen, diese zu definieren, zu adaptieren oder in unserem Sinne variieren zu wollen. Wir sind die Game Designer unseres Lebens oder Mitspieler im System anderer Ordnungen.

"Wir neigen dazu, in einer Welt von Gewissheit, von unbestreitbarer Stichhaltigkeit der Wahrnehmung zu leben, in der unsere Überzeugungen beweisen, dass die Dinge nur so sind, wie wir sie sehen. Was uns gewiss erscheint, kann keine Alternative haben. In unserem Alltag, unter unseren kulturellen Bedingungen, ist dies die übliche Art, Mensch zu sein." (Maturana; Varela: S. 20)

Der Zufall hat dafür gesorgt, dass wir in schon bestehende kulturelle Systeme hineingeboren werden. Als unfertige Wesen werden wir nach nur neun Monaten einer Schwangerschaft durch unsere Mutter in das Leben mit all seinen Polaritäten geworfen und beginnen es spielend und suchend, gespickt mit Zufällen, zu begreifen. Welche Erfahrungen wird uns das Leben bescheren? Mit welchem Spielzeug beginnen wir unser Selbstkonzept, unsere Kontrollüberzeugung sowie unseren Selbstwert zu entwickeln? Welche Erfahrungen konfigurieren unser noch unfertiges Gehirn? Welche Sprache eigenen wir uns an? Wie werden diese über Generationen sich entwickelnden Sprachmuster, Bedeutungen und darin enthaltenden Bewertungen sowie die entsprechenden verbalen und nonverbalen Kommunikationsregeln unser Denken formen und unsere Handlungen beeinflussen?

Wir haben uns unsere Eltern nicht ausgesucht. Wir haben uns die Nationalität nicht ausgesucht, nicht die Glaubenssysteme und Religionen, die um uns herum existieren, nicht das Geldsystem oder die Wirtschaftsordnung, nach der wir in eine notwendige Arbeitsteilung einsteigen müssen, um unsere eigene Existenz aufrecht zu erhalten. Unser Körper verlangt nach Nahrung und sicherer Unterkunft mit einem Schlafplatz.

In einer Welt voller Zufälle könnten wir das Spiel als Methode erkennen, um zu verstehen, dass wir gewisse Gewohnheiten bei der Formulierung absoluter Wahrheiten aufgeben sollten, dass wir der Versuchung der Gewissheiten widerstehen sollten und lernen sollten, mit Zufällen umzugehen. Nicht von ungefähr spielen Menschen seit Jahrtausenden und integrieren in ihr Spiel die verschiedenen Formen von Zufällen.

Der Zufall des Würfels treibt uns im Leben voran. Aber es drohen von hinten Nackenschläge und der Tod. Wir werden wiedergeboren, rennen von Neuem los. Spielziel: Dieses qualvolle, schmerzliche, vom Zufall getriebene Leben endlich hinter sich zu lassen, endlich im schmerzfreien, glückseligen Nirvana, im Paradies anzukommen. Mit der Gewissheit des ewigen Lebens ist das Elend der Welt zu ertragen. Originalspiel aus Indien: "Pachisi", über die Kolonialmacht England als "Mensch-ärgere-Dich" 1914 nach Deutschland gekommen.

 

Oder um es mit Maturana und Varela zu sagen: Bei dem Phänomen der Erkenntnis „erweist sich jede Erfahrung der Gewissheit als ein individuelles Phänomen, das gegenüber der kognitiven Handlung des anderen blind ist. Dies ist eine Einsamkeit, die nur in einer Welt zu überwinden ist, die wir gemeinsam mit dem anderen schaffen.“ (s. S. 20)

Spiel ist eine Methode des Austausches mit der Welt und mit den anderen Menschen und es ist eine Form des Dialoges mit Phänomenen, die wir als sich ständig verändernde, aus sich selbst heraus biologisch erneuernde Menschen erlernen können, um mit den Veränderungen der Welt in Einklang und Harmonie optimistisch, glücklich und zufrieden leben zu können, trotz aller Zufälle und Schicksalsschläge, die uns unerklärlich erscheinen.

Menschen Orte und Zeiten des Spielens zu ermöglichen, Gemeinsamkeiten, Einsichten und Erkenntnisse zu schaffen, um sich innerhalb von Risikogesellschaften und VUCA-Welten besser verorten zu können, wird zukünftig mehr Relevanz gewinnen müssen, um sich nicht aus der Täuschung heraus von absoluten, alternativlosen Wahrheiten in falschen Gewissheiten zu verlieren. Die Spielwissenschaften möchten als eine inter- und transdisziplinäre wissenschaftliche Disziplin dazu ihren Beitrag leisten, um Zukunft noch möglichst lange mit dem Verständnis im Umgang mit dem Zufall gestalten zu können.

Das Theaterspiel, die Kunst mit ihrem Illusionsspiel, die Literatur mit ihren Gedankenspielen, das Musikspiel, der Spielfilm sowie viele andere ästhetischen Produktionen, wie zum Beispiel die Szenographie für Museen, die Game-Designer oder die Spiele-Autoren, versuchen mit der Irritation umzugehen, mit der paradoxen Bemühung, für den Betrachter oder Besucher in jeder Hinsicht ein unvorgesehbares Ereignis, einen mit Überraschungen, Impulsen und Zufällen ausgestatteten Erlebnisraum zu gestalten. Damit soll eine eigentlich nicht kalkulierbare Situation in berechtneter, gewollter Absicht provoziert werden (vgl.: Gendolla, Peter; Kamphusmann, Thomas: Die Künste des Zufalls. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1999, S. 7).

Es beginnt ein weites Feld, für die Designer von erfundenen Ordnungen mit ihren Zufällen und regulativen Ideen.

7. Zitate und Sprüche zum Zufall

"Das Wesentliche an jeder Erfindung tut der Zufall, aber den meisten Menschen begegnet dieser Zufall nicht.", und "Kein Sieger glaubt an den Zufall."
Friedrich Niettzsche (1844-1900)

"Den Zufall bändige zum Glück.", und "Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt."
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

"Alles Äußerliche unterliegt dem Zufall."
Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.)

"Ein freier, denkender Mensch bleibt da nicht stehen, wo der Zufall ihn hinstößt."
Heinrich von Kleist (1777-1811)

"Spielen ist Experimentieren mit dem Zufall.", und "Auch der Zufall ist nicht unergründlich, er hat seine Regelmäßigkeit.", und "Alle Zufälle unsers Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben."
Novalis (1772-1801)

"Zufall ist der Gebräuchlichste Deckname des Schicksals.", und "Sehen Sie, Freund, auch in den Zufällen und Unglücksfällen waltet ein Gesetz."
Theodor Fontane (1819-1898)

"Der Zufall ist die in Schleier gehüllte Notwendigkeit."
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

"Zufall ist das bekannte Ergebnis unbekannter Ursachen."
Voltaire (1694-1778)

"Die besten Dinge verdanken wir dem Zufall."
Giacome Girolamo Casanova (1725-1798)

"Der Zufall begünstigt nur den vorbereiteten Geist."
Louis Pasteur (1822-1895)

"Das Wort Zufall ist Gotteslästerung. Nichts unter der Sonne ist Zufall; - am wenigsten das, wovon die Absicht so klar in die Augen leuchtet.", und "Ein Weiser schätzt kein Spiel, wo nur der Zufall regiert."
Gotthold Ephrarim Lessing (1729-1781)

"Gottes Vorsehung, wie sie in der Schrift gelehrt wird, steht im Gegensatz zu jedem Gedanken an Glück und Zufall."
Johannes Calvin (1509-1594)

"Der Zufall reißt alles mit sich fort."
Marcus Annaeus Lucanus (39-65)

"Es gibt Lebensläufe, denen der Zufall fehlt.", und "Der Zufall ist der größte Romanschreiber in der Welt: Um fruchtbar zu sein, muss man ihn studieren."
Honoré de Balzac (1799-1850)

"Glück und Zufall sind zwei sinnlose Wörter."
Friedrich II. von Preußen, der Große (1712-1786)

"Zufall ist ein Wort ohne Sinn; nichts kann ohne Ursache existieren."
Voltaire (1694-1778)

"Der Zufall ist der einzige legitime Herrscher des Universums."
Napoleon I. Bonaparte (1769-1821)

"Nenne den größten aller Erfinder: Es ist der Zufall.", und "Um einen Zufall herbeizuführen, bedarf es vieler Vorbereitung. Um eine gute improvisierte Rede zu halten, braucht man mindestens drei Wochen."
Mark Twain (1835-1910)

"Jeder Mensch kann der Zufall des anderen sein."
Oswald Spengler (1880-1936)

"Was wir Zufall nennen, ist der Zufluchtsort der Unwissenheit."
Brauch de Spinoza (1632-1677)

"Alles in der Welt endet durch Zufall und Ermüdung."
Heinrich Heine (1797-1856)

"... aber der Zufall ist das Gegenstück aller guten Ordnung."
Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827)

"Der Zweck der Erziehung ist, den Kinder dem Spiel des Zufalls zu entreißen."
Johann Friedrich Herbart (1776-1841)

"Wer sich Ziele setzt, geht am Zufall vorbei."
Stefan Zweig (1881-1942)

"Der Zufall ist ein Rätsel, welches das Schicksal dem Menschen aufgibt."
Friedrich Hebbel (1813-1863)

"Die zwei größten Tyrannen der Erde: der Zufall und die Zeit."
Johann Gottfried von Herder (1744-1803)

"Überlässt man die Verwendung der Zeit dem Zufall, regiert das Chaos."
Victor Hugo (1802-1885)

"Niemand  ist durch Zufall gut. Die Tugend muss erlernt werden."
Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. - 65 n. Chr.)

"Alles, was im Weltall existiert, ist die Frucht von Zufall und Notwendigkeit."
Demokrit (460-370 v. Chr.)

"Zufälle sind unvorhergesehene Ereignisse, die einen Sinn haben."
Diogenes von Sinope (um 400-323 v. Chr.)

"Oberflächliche glauben an Glück und Zufall. Tatgräftige glauben an Ursache und Wirkung."
Ralph Waldo Emerson (1803-1882)

"Mit dem Wort Zufall gibt der Mensch nur seiner Unwissenheit Ausdruck."
Pierre-Simon Laplace (1749-1827)

"Das Wichtigste im Leben ist die Wahl eines Berufes. Der Zufall entscheidet darüber."
Blaise Pascal (1623-1662)

"Das Größte und Schönste aber dem Zufall zu überlassen, wäre Irrtum und Lästerung."
Aristoteles (384-322 v. Chr.)

"Zufall ist vielleicht das Pseudonym Gottes, wenn er nicht selbst unterschreiben will."
Théophile Gautier (1811-1872)

"Sofern eine Begebenheit nicht unter einer besonderen Regel ihrer Ursache geschieht, so ist's Zufall."
Immanuel Kant (1724-1804)

"Das äußere Glück ist nur Zufall, - aber das innere Glück, das baut sich ein jeder selbst."
Johann Kaspar Lavater (1741-1801)

"Hör auf zu fragen, was morgen sein wird, und verbuche jeden Tag, den der glückliche Zufall dir schenkt, als Gewinn."
Horaz (65-8 v. Chr.)

"In der Lotterie liegt eigentlich eine sehr schöne kosmische und ironische Idee, nämlich den günstigen Zufall willkürlich hervorzubringen und sich ihm zu unterwerfen."
Friedrich Schleiermacher (1768-1834)

"Ohne eine Gottheit gibt's für den Menschen weder Zweck, noch Ziel, noch Hoffnung, nur eine zitternde Zukunft, ein ewiges Bangen vor jeder Dunkelheit und überall ein feindliches Chaos unter jedem Kunstgarten des Zufalls."
Jean Paul (1763-1825

"Unser Denken ist ein kühnes, riskantes Spiel, weil auch unser Denken, genau wie unser Schicksal, nicht erhaben ist über den unberechenbaren Zufall."
Michel de Montaigne (1533-1592)

"Es ist der Zufall: er, der die königliche Kunst versteht, einleuchtend zu machen, dass gegen seine Gunst und Gnade alles Verdienst ohnmächtig ist und nichts gilt."
Arthur Schopenhauer (1788-1860)

"Der schwache Mensch wartet auf den Zufall; der gewöhnliche Mensch nimmt ihn, wie er kommt; ein großer Mensch schafft ihn, wie er ihn braucht."
Adolf Törneros (1794-1839)

"Wir sollen selbstbewusst und mit Absicht in die Naturordnung eingreifen, soweit wir irgend können. Jede Position, die wir dem Zufall abgewinnen, ist ein Sieg menschlicher Kultur."
Gustav von Schmoller (1838-1917)

"Und wenn es schon nicht freisteht, einen zur Herrschaft Tauglichen zu wählen, so muss man darum bemüht sein, denjenigen zur Herrschaft tauglich zu machen, den der Zufall uns überlassen hat."
Erasmus von Rotterdam (1469-1536)

"Im Gewebe unseres Lebens spielen Zufall und Plan eine gleich große Rolle; den letzteren lenken wir, dem ersteren müssen wir uns blind unterwerfen."
Friedrich Schiller (1759-1805)

"Alle Zufälle stiften ein 'Warum'."
Meister Eckart (1260-1327)

"Alles ist das Werk des Zufalls."
Lateinisches Sprichwort: Omnia casu fiunt. (Alles passiert zufällig.)

 

8. Definitionen des Zufalls

Zufall heißt, was auch anders sein könnte, als es ist, und steht daher dem Notwendigen (oder was nicht anders sein kann) gegenüber. Daher ist insofern nichts Zufall, als alles nach dem Gesetz notwendig ist. Gewöhnlich meint man aber mit Zufall nicht, was durchaus keine Ursache hat, sondern solches, was dessen Ursache nicht bekannt ist, oder, was unter eine bestimmte Ursache, die wir im Sinne haben, nicht fällt. So hat das Wort Zufall seine triftige Bedeutung, die in dem lateinischen Wort Kontingenz (Zusammentreffen, Zusammenhang, phil. „Nicht-Notwendigkeit alles Bestehenden“) deutlich zum Ausdruck kommt. In diesem Sinne giebt es einen Zufall, und es ist falsch, für alles derartige Zusammentreffen noch besondere, namentlich teleologische Ursachen fordern.“ (Brockhaus‘ Konversations-Lexikon, Leipzig, Berlin und Wien 1903, S. 1032)

Zufall, im volkstümlichen Sinn dasjenige, was außerhalb einer erkennbaren Gesetzlichkeit geschieht. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung und die Statistik ermitteln die quantitativen, mathematischen Häufigkeitsbeziehungen oft „zufälligen“ Geschehens. Z.B. erweist  die Wahrscheinlichkeitsrechnung die Unmöglichkeit irgendeines „Systems“, das bei Roulette oder sonstigen Glücksspielen planmäßig zum Gewinn führen könnte. Die statist. Mechanik führt die Gesetzmäßigkeiten der Wärme (Thermodynamik) auf die statist. Zufälligkeit der unregelmäß. Bewegungen der zahlreichen Atome zurück. Philosophisch leugnet der -> Determinismus das Vorhandensein echten Zufalls und behauptet, daß es nur scheinbaren Zufall gibt auf Grund menschli. Unkenntnis der bedingenden Ursachen von Ereignissen. Jedoch wird diese Lehre von der Atomphysik und -> Quantenreaktionen bestritten, nach welcher die individuellen Einzelreaktionen der Atome „zufällig“ sind, und nur im statist. Durchschnitt naturgesetzlich vorgeschrieben werden.“ (Der kleine Brockhaus, Wiesbaden 1952, S. 693)

Zufall [mhd. zuoval, Lehnübers. lat. accidens], die Unbestimmbarkeit oder Regellosigkeit individueller Ereignisse oder Vorgänge; oft aus das unvorhergesehene Zusammentreffen zweier Ereignisse und als >unerforschl. oder blinde Macht des Schicksals< (grch. >tyche<) empfunden, die von außen in das Geschehen eingreift. Die Annahme des absoluten Zufalls setzt das Kausalprinzip außer Kraft. Die Physik kennt zahlreiche Gesetze, nach denen Ereignisse zufällig (statistisch) auftreten. Das kann daher rühren, dass ein einzelnes Ereignis an sich deterministisch ist, aber nicht genau oder vollständig genug beobachtet werden kann (z.B. kinet. Gastheorie der klass. Physik); es kann aber auch dadurch bedingt sein, dass in der modernen Physik (-> Quantentheorie) bereits das einzelne Ereignis als indeterministisch angesehen wird. Im Privatrecht ist Zufall (lat. casus) die weder auf Vorsatz noch auf Fahrlässigkeit einer Person beruhende Ursache von Ereignissen. Für zufällig entstehende Schäden haftet z.B. der Schuldner im Verzug (§ 287 BGB) und der Dieb; Haftungsgrund ist allein der eingetretene rechtswidrige Erfolg.“ (dtv Lexikon, Band 20, München 1990, S. 302)

Zufall, das, was ohne erkennbaren Grund und ohne Absicht geschieht; ein mögl. Ereignis, das eintritt, aber nicht eintreten muss.” (Der Brockhaus in einem Band. Leipzig 1998. S. 1014)

Zufall (lat.: accidens, contingens, casu ; arab.: azzahar [Würfel] wird im MA (Mittelalter) immer im Zusammenhang mit den Begriffen Akzidens, -> Kontingenz oder Schicksal bzw. -> Vorsehung behandelt. Zufall selbst wird dabei zumeist in den Bestimmungen von Platon und Aristoteles übernommen. Mit Zufall wird eine Tatsache oder ein Geschehen bezeichnet, die bzw. das von keiner Vorgegebenheit ableitbar und in einem laufenden Prozess nur als Ausnahme zu bewerten ist, jedoch eine neue Kausalkette anstoßen kann. Er ist scheinbar oder tatsächlich jeder kausalen oder finale Notwendigkeit entzogen.
Der Begriff Zufall läßt sich durch drei Gegensatzpaare fassen: 1. Zufall als das Akzidentelle gegenüber dem Substantiellen; dabei sind die einem Wesen nicht notwendig zukommenden Eigenschaften gemeint; 2. Zufall als das Kontingente, das sein und nicht sein kann; dabei steht es demjenigen gegenüber, das notwendig – ohne weitere Ursache – existiert (z.B. Gott oder Idee); 3. Zufall als Gegensatz zu dem, das aufgrund von Ursachen geschieht, und zwar entweder von Natur aus oder durch eigene bewusste Absicht (causa per accidens, vgl. Aristoteles: Physik B 5, 197a 5f); dabei sind absoluter Zufall (ohne Eigengesetzlichkeit) und relativer Zufall (causa per se, mit Eigengesetzlichkeit) zu unterscheiden; vgl. die Bestimmung bei Boethius: „casum esse inopinatum ex confluentibus causis … eventum“ (De consol. Philosoph. V). Fraglich ist, ob es Zufall, bes. den absoluten Zufall überhaupt geben kann, oder ob er nur aufgrund menschl. Unkenntnis der Ursachen angenommen wird bzw. eine für die menschl. Vernunft undurchschaubare Ursache ist (vgl. Aristoteles: Physik B 4, 196b 5f).
Bei Platon ist alles Seiende durch die göttl. Rationalität bestimmt (Phil. 26e-31b, Nomoi X, 885a-899d). Im Schöpfungsakt führt Gott alles „zur Ordnung aus Unordnung“ (Tim. 30a), so dass alles für uns sichtbare Sein das Ergebnis einer „Bestimmung des Unbestimmten“ (Phil. 23c-31b) ist. Das Zufällige bleibt für Platon der göttl. Rationalität vollkommen untergeordnete; es stellt gleichsam einen durch das (äpelgov) bedingten „Rest“ gegenüber der göttl. Ordnung dar.
Aristoteles nennt Zufall das, was nicht durch Zwecktätigkeit geschehen ist, jedoch hätte bezweckt sein können. Er unterscheidet den Begriff „Schicksal“, der sich auf menschl. Handlungen bezieht (Physik B 5, 197a 5f), von dem allgemeinen gefassten (duromatov, Physik B 6, 197a 5f). Zufall ist somit neben der bzw. wider die Natur (Physik B 7, 197b 34) und ebenso Neben- bzw. Widervernünftiges (Anal. Post. A 30, 87b 19-27). Zufall ist in Bezug auf den Begriff die Nebenbestimmung, in Bezug auf die Wissenschaft das nur im Einzelfall Gültige
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Die Kirchenväter stellen dem Fatalismus bzw. der Schicksalsgläubigkeit die Wirkmächtigkeit Gottes in der Geschichte entgegen und entwickeln so – z.T. mit Rückgriff auf stoische Begrifflichkeit – die Lehre von der göttl. ->Vorsehung. Als Stationen können genannt werden: Hermas (Vis. I 3,4; III 4,1), Clemens v. Rom (I Clem 20, 8; 24,5), Augustinus (De civ. Dei I, Prolog; V 9), das Vier-Ursachen-Schema des Thierry v. Chartres, Anselm v. Canterbury (Cur deus homo) und Hugo v. St. Victor (De sacramentis I). Nach Thomas v. Aquin handelt Gott immer zielstrebig (S. th. I 22,1); sowohl Zufall als auch Schicksal gibt es nicht für Gott (S. th. I 22,2); sondern nur im Denken der Menschen. (W. Rottenecker)
Lit.: W. Windelband, Die Lehren vom Zufall, 1870. - L. Scheffczyk, Schöpfung und Vorsehung (HDG II, 2a), 1963. – H. Weiss, Kausalität und Zufall in der Philosophie Aristoteles, 1967. – A. Ganczy, Chaos – Zufall – Schöpfungsglaube, 1995. – M. Hoffmann, Die Entstehung von Ordnung. Zur Bestimmung von Sein, Erkennen und in Handeln in der späteren Philos.
Platons, 1996.“ (dtv Lexikon des Mittelalters, Band IX. München 2002. S. 682)

„Accident: Opportunity to understand what my real intensions are, so that I can use any unexpected outcome as a potential possibility.” (The complete A to Z Dictionary of Dreams, Croydon 2014, S. 57)

 

Literatur:

Beck, Ulrich: Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1986.

Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild: Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München 1975.

Gendolla, Peter; Kamphusmann, Thomas (Hrg.): Die Künste des Zufalls. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1999.

Hardo, Trutz: Das Phänomen des Zufalls - Die Signale des Lebens entschlüsseln. Silberschnur, Güllesheim 2016.

Klein, Stefan: Alles Zufall - Die Kraft, die unser Leben bestimmt. Rowohlt, Hamburg 2005.

Maturana, Humberto R.; Varela, Francisco J. (1984): Der Baum der Erkenntnis - Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Goldmann, München 1991, 2. Auflage.

Monod, Jacques (1970): Zufall und Notwendigkeit - Philosophische Fragen der modernen Biologie. 9. Auflage dtv, München 1991.