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Johannes Capistranus: Spieleverbrennungen - Als die Kirche im Spiel den Teufel sah

Manche Menschen scheinen es nötig zu haben, die Ordnung, in der sie leben, als absolute Wahrheit anzusehen und zu verkünden. Um ihre (erfundene) Ordnung aufrecht zu erhalten, mit Macht durchzudrücken, ihr Geltung zu verschaffen, sind sie bereit, Zerstörung, Tod und Mord als Preis in Kauf zu nehmen. Die Menschheitsgeschichte ist voll von solchen "Helden" und "Heiligen". Einer von Ihnen war der katholische Franziskaner-Mönch und Inquisitor Johannes Capistranus (Giovanni da Capestrano oder Johannes Kapistran).

Spieleverbrennungen durch Johannes Capistranus 1451 in Wien

Bildausschnitt zur Verbrennung der Spiele 1451

Ein nach römisch-katholischer Definition "Heiliger" ist Johannes Capistranus (1386-1456), einer der angeblichen "Retter des christlichen Abendlandes", weil er die muslimischen Türken als Heerführer 1456 bei der Verteidigung Belgrads mit besiegt hatte. So steht er mit dem Fahnen-Symbol der Kreuzritter thronend samt goldenem Heiligenschein und umringt von kindlichen Engeln auf der Leiche eines anderen, besiegten Menschen bis heute am Stephansdom in Wien (s. Foto).


Denkmal für Johannes Capistranus außen am Stephansdom in Wien

Der italienische "Barfüßermönch" und römisch-katholischer Ordensbruder der Franziskaner Johannes Capistran (auch Capistranus, Capistrano, Kapistran, geboren am 24. Juni 1386 in Capestano) erfuhr bei seinen zahlreichen Reisen mit seinen langen, oft stundenlangen Predigten viel Aufmerksamkeit. Für die Ludologie ist er bemerkenswert, weil er mit seiner Verteufelung vom Spiel und seinen Spieleverbrennungen markant in Erinnerung geblieben ist sowie auch, weil er damit z.B. den Niedergang und die Pleiten der deutschen Kartenmacher in Nürnberg im 15. Jahrhundert bewirkte.

Gesellschaftliche Regelspiele mit tödlichem Ausgang

Außerdem ist er ein markantes Bespiel für gesellschaftliche "Regelspiele", d.h. für ein kulturprägendes Referenzsystem als erfundene Ordnung mit regulativen Ideen, die Menschen ausgrenzen und er aufgrund seiner Regeln, die für ihn "gut" und "böse" definieren, nicht nur in Predigten gegen Menschen (und Spiele) hetzt, sondern sie zum Scheiterhaufen führt und ermorden lässt. Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes von 1949 war für ihn als Wertorientierung, Lebensmotto oder ethische Regel unvorstellbar: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Hinter diesen menschenverachtenden Hasspredigten und spaltenden Polarisierungen stand auch das Geschäftsmodell der katholischen Kirche der "Erregungsbewirtschaftung" (Begriff von Ranga Yogeshwar), so wie es heutzutage einige Medienunternehmen und rechtsradikale Politiker betreiben, wie z.B. die deutsche Bild-Zeitung.

Capistranus ist ein musterhaftes Beispiel dafür, wie aus geistigen Überzeungen und Ideen Ausgrenzungen entstehen, die den geistigen Nährboden, damit die "Rechtfetigungen" schaffen, um  Menschen letztendlich wegen ihrer ideologisch begründbaren Exklusion töten zu können. Regelspiele sind das Abbild für Inklusion und Exklusion. Wer gehört zu uns? Wer darf mitspielen? Wer bleibt draußen? Wen müssen wir bekämpfen? Wie sieht unser Feind aus? Wer innerhalb einer exklusiven Gedankenblase steht, bejubelt radikale, aggressive Aussagen und Predigten gern, handelt anschließend "berechtigt" gegen andere Menschen als Nationalist, Rassist, Terrorist oder Inquisitor etc. Für diese Täter ist dann ihr Prediger ein "Heiliger".

Johannes Capistranus, Prediger, Judenhasser, Mörder und Heiliger

Im Auftrag des Papstes Nikolaus V. (Amtszeit 1447-1455), dem Begründer der Vatikanischen Bibliothek, der eigentlich als erster humanistischer Papst erwähnt wird, zog Johannes Capristanus als Wanderprediger 1451 bis 1454 durch das gesitig zerissene und religiös darnieder liegende Europa nach Deutschland, Österreich, Böhmen, Polen, Ungarn und die Niederlande, was der religiösen Erneuerung des Klerus und der Laien wie auch der Bekämpfung der reformatorisch gesinnten Hussiten dienen sollte. Die Hussiten enstanden vor allem in Tschechien als Glaubensrichung nach der lebendigen Verbrennung des Jan Hus (zusammen mit seinen Schriften und Büchern) als Ketzer und Häretiker 1415 auf dem Scheiterhaufen in Konstanz. Andersdenkende und ihre kultuellen Erzeugnisse öffentlich zu verbrennen, war im Mittelalter ein probates Mittel zur Machterhaltung der damals herrschenden römisch-katholischen Kirche.

Öffentliche Verbrennungen als "reinigender Akt"

Der franziskanische Bettelorden hat Armut gepredigt. Das öffentliche Verbrennen wurde als Methode eines "reinigenden Aktes" empfunden. Neben den anders denkenden Menschen wurden Eitelkeiten des alltäglichen Lebens, Bücher und Spiele auf einem Scheiterhaufen vernichtet. So verbrannte der Lehrer von Giovanno Capistrano, Bernhardin von Siena (1380-1444), zur Fastenzeit 1424 in Florenz 400 Spielbretter, einige Körbe voll Würfel und mehr als 4.000 Paar alte und neue Spielzeuge. (vgl. Piper, Ernst (1979): "Savonarola. Prophet der Diktatur Gottes", S. 80-81).


Verbrennung des Jan Hus (1370-1415) am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen in Konstanz als "Ketzer". Er war einer der wichtigen Wegbereiter der kirchlichen Reformation vor Martin Luther (1483-1546)  und Johannes Calvin (1509-1564). Abb. aus Spiezer Chronik von 1485 aus Bern, Schweiz.

Seine Karriere begann Johannes Capistrano als 26-jähriger nach dem Jura-Studium im italienischen Perugia als Richter. Durch die Wirren eines Städtekrieges wurde er 1415 selbst ins Gefängnis geworfen und erlebte dort in einem Fieberwahn seine "Bekehrung", weil ihm der verstorbene Fanziskus von Assisi (1181-1226) erschienen war. Er ließ seine Ehe lösen und trat nach der Haft dem Franziskanerorden als Mönch bei (s. heiligenlexikon.de). Mit sehr großem Erfolg begann er als "Volksprediger" und Inquisitor seinen Glauben, seine Fiktionen, als absolute Wahrheiten zu verkaufen und radikal umzusetzen.

Ein fadenscheiniger Vorwand, wie die angebliche "Entweihung von Hostien" für das christliche Abendmahl, reichte auch Johannes Capistrano aus, um z.B. in Breslau 1453 alle dort lebenden 318 Juden foltern zu lassen und anschließend 41 qualvoll sterbenden Menschen beim Verbrennen auf einem Scheiterhaufen voller Genugtuung zuzusehen. Dieser von der römisch-katholischen Kirche durch Papst Alexander VIII. 1690 "heilig" gesprochene Priester und Mönch solle sich in der "seligmachenden Gottesschau" befinden und deshalb verehrt werden. Johannes Capistranus gilt bis heute als "Schutzparton", der für den Berufsstand der Rechtsanwälte und Militärseelsorger vor Gott fürbittend, betend und verehrend als Unterstützer angerufen werden solle. Da wirkt es ja fast schon als eine Marginalie, dass er auch über Jahre Brettspiele, Spielkarten und Würfel öffentlich auf Marktplätzen verbrennen ließ.

Als das "Spielen" noch "Teufelswerk" war

Johannes Capistrano predigte 40 Jahre lang vor großen Menschenansammlungen, gründete Krankenhäuser und war ein einflussreicher Berater für zahlreiche Herrscher. Mitte des 15. Jahrhunderts standen Papst und Kaiser machtpolitisch schlecht da. Die Nationalstaaten, Frankreich, England und Spanien erlebten einen kulturellen und wirtschaftlichen Aufstieg des Bürgertums in den Städten. Diesen Verfall der kirchenlichen Macht, wo immer mehr der Ruf nach Reformen deutlich wurde (s. Hussiten, Luther, Calvin), war der Moment für Johannes Capristano, als Wanderprediger und Organisator von Massenveranstaltungen dagegen vorzugehen. Und das tat er als überzeugter Fanatiker.

Giovanni (Johannes) da Capestrano hielt seine aufpeitschenden Reden auf Italienisch oder Latein, er war der deutschen Sprache nicht mächtig. So benötigte er Dolmetscher, wenn er in deutschsprachigen Städten auftrat und zum einfachen Volk reden wollte. Der Inhalt war immer derselbe. Capistranus predigte gegen den Luxus und dazu gehörten für ihn auch die Spiele. Noch schlimmer: Spiele waren Teufelszeug, ein Werk des Teufels.

Der ehemalige Direktor des Altenburger Spielkartenmuseums (1932-1945), Otto Reisig (1892-1945), hat die Predigtreisen des Capistranus 1935 für die Zeit von 1451 bis 1454 zusammengetragen. Aus dieser Liste wird deutlich, wo und wie lange Capistrano in einer Stadt oder Region in seinen Predigten zum fanatischen Kampf gegen das Spiel ansetze. Dies mag ein Grund sein, warum heute nur noch wenige Zeugnisse vom damals verwendeten Spielmaterial vorhanden sind.

Der für die damaligen Lebensverhältnisse greise Mönch, 65 Jahre alt, ging mit einigen Mitstreitern (über 30 Personen) und Übersetzern ab 1451 auf Wanderschaft. Über Venedig gelang er nach Wien und von dort aus in die deutschsprachigen Ländereien von Böhmen, Bayern, Franken, Thüringen, Sachsen und Schlesien.

Verbrennung von Brettspielen, Kartenspielen und Würfeln durch Johannes Capistranus am Stephansdom in Wien 1451

Kirchensicht: "Im Kampf um die Reform der Kirche"

Das Lebenswerk von Johannes Hofer, selbst Franziskaner, bestand darin, das Leben des Johannes Kapistran (Capistranus, Capistrano) aus seiner römisch-katholischen und Franziskaner-Sicht aufzuschreiben. Dieses klerikale Standardwerk erschien 1937 und überarbeitet 1965 in zwei Bänden unter dem Titel "Im Kampf um die Reform der Kirche". Darin wird Kapistran der Titel "Apostel Europas" zuerkannt und er wird als "größter Wanderprediger" des 15. Jahunderts gefeiert.

Dabei benennt Hofer aus seiner Sicht auch eine elementare Nachlässigkeit Kapistrans: "Wir sind heute versucht zu urteilen, daß damals die Handvoll Humanisten vom Schlage Lozenzo Vallas [Lorenzo Valla (1407-1457)] oder Antonio Beccadellis [Antonio Beccadelli (1394-1471)] für das praktische Christentum eine größere Gefahr bedeuteten als alle Fratizellen, Juden, Hussiten und Türken zusammen. Diese erklärten Gegener der Kirche bedrohten ihren Bestand mehr von außen her. Jene dem christlichen Geist bereits entfremdeten Humanisten aber leiteten einen inneren Zersetzungsprozeß christlichen Denkens und Fühlens in die Wege, der um so gefährlicher war, als er sich zunächst nicht als offene Leugnung christlicher Glaubenswahrheiten offenbarte." (s. Hofer (1937), Band 1, S. 323f., 1964).

Von den Humanisten ging laut Hofer der erste grundsätzliche Angriff auf das katholische Ordensleben aus. Der Humanismus sei eine "offene Kriegserklärung des modernen Menschen an die Religion des Kreuzes." (s. Hofer, Band 1, S. 324).

Kapistrans Kampf richtete sich gegen die "Feinde des christlichen Wesens", die Ungetauften (Juden) und die offen erklärten Ketzer. Kapistran ist noch "stark eingestellt auf das mittelalterliche System der Glaubensverteidigung, durch die Anwendung geistlicher und weltlicher Zwangsmaßnahmen die Nichtchristen und die Abgefallenen von den Christen fernzuhalten oder unschädlich zu machen." (s. Hofer, Band 1, S. 325). So umschreibt sein Biograph Hofer die Ermordungen von Menschen und die Verbrennungen von Luxus, Brett- und Kartenspielen im Sinne der Kirche.

Verbrennung von Brettspielen, Spielkarten und Würfeln in Nürnberg und Bamberg

Johannes Capistranus ritt am 17. Juli 1452 vormittags durch das Frauentor und blieb bis zum 20. August 1452 über einen Monat im fränkischen Nürnberg. Er wurde dringend erwartet, weil sich die Bürger der Stadt seine Vermittlung für einen guten Frieden mit dem Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg (1414-1486), ebeso Markgraf von Ansbach, erhofften. "Kapistran nahm auch an den unerquicklichen Verhandlungen teil und ritt zweimal zu diesem Zwecke nach Pillenreut hinaus und einmal nach Schwabach, ohne selbst an diesen Tagen die Predigt in der Stadt drinnen ausfallen zu lassen." (s. Hofer 1926, S. 134).

In Nürnberg erhielt er anscheinend von den dortigen Bürgern eine außerordentliche Reputation, weil ihm für mehr als sechzig auffallende Krankenheilungen eine wesentliche Mitwirkung zugesprochen worden war. Einem solchen Wunderheiler muss man doch vertrauen. Auf dem Marktplatz vor der Frauenkirche (erbaut bis 1362, nach einem Pogrom gegen die jüdischen Bürger Nürnbergs, am Platz der zerstörten Synagoge) drängten sich sodann die Menschen, um dem weitgereisten und berühmten Prediger zuzuhören.


Frauenkirche in Nürnberg am Hauptmarkt, erbaut bis 1362 durch Kaiser Karl IV. und König von Böhmen (geboren als Wenzel, Václav, in Prag)


Capistranus ereiferte sich vor allem gegen den Kleiderluxus und gegen die "Spielwut". Ein Nürnberger Chronist erzählt, dass er in einer Predigt befohlen habe, die modisch überspitzen Schuhe (Schnabelschuhe), übergroße Wulsthauben und eben Brettspiele, Spielkarten und Würfel auf dem Marktplatz zu verbrennen. Daraufhin seien am nächsten Tag 76 Paar Schuhe dieser Art, aber besonders 3.612 Brettspiele, mehr als 20.000 Würfel und sehr viele Spielkarten öffentlich dem Feuer übergeben worden. Karten- und Würfelspiele galten als reines Glücksspiel und damit als gefährliches Laster. Oft waren sie mit hohen Geldeinsätzen, übermäßigem Alkoholkonsum und natürlich mit Wirtshausbesuchen verbunden.

Das Vorbild für Capistranus war sein Lehrer Bernhardin von Siena (1380-1444), ebenfalls Franziskanermönch, Wanderprediger und radikaler Observant mit Armutsideal, ab 1450 "Heiliger" durch Papst Nikolaus V., von Bernhardin hat Capistranus die Idee der Spieleverbrennungen übernommen. Bernhardin führte Spielverbrennungen schon in Italien durch, 1425 und 1426 in den Städten Bologna, Rom, Perugia sowie Viterbo.


Holzschnitt von Hans Leonhard Schäufelin (1480-1540) vom Titelblatt der "Vita Johannis Capistrani. Sermones eiusdem." mit der Szene der Spieleverbrennung in Nürnberg 1452 vor dem Frauentor, gedruckt von Johannes Miller, Augsburg 1519. Online-Katalog Österreichische Nationalbibliothek.

Im 15. und 16. Jahrhundert war Nürnbergs "goldenes Zeitalter". Gelehrte, Künstler und vor allem Handwerker und Kaufleute zog es in diese wohlhabende Reichsstadt, die zum Mittelpunkt des kulturellen und geistigen Lebens in Europa wurde. Nicht nur die Spielkartenmacher, auch die Macher erster geografischer Landkarten waren in Nürnberg beheimatet. Der vielleicht "geistige Entdecker" Amerikas, Martin Behaim (1459-1507), schuf im Auftrag des Nürnberger Stadtrats den ältesten erhalten Globus als "Erdapfel" (1492, anfangs ohne Amerika, welches ja von Christoph Kolumbus 1492 (wieder-)entdeckt wurde, aber damals waren die Kommuniaktionswege sehr viel länger...). In dieser Zeit entstand 1493 auch die "Schedelsche Weltchronik", ebenso "Nürnberger Chronik" genannt, als illustrierte Darstellung der damals bekannten Weltgeschichte vom Historiker Hartmann Schedel (1440-1514) mit den Holzschnitten von Michael Wolgemut (1434-1519), dem Vorbild und Lehrmeister von Albrecht Dürer (1471-1528).

Kultur braucht Spiel, erwächst aus dem Spiel. Die älteste Puppe der Spielzeugstadt Nürnberg stammt aus dem 14. Jahrhundert, sie ist aus gepresstem Ton, trägt ein Alltagskleid und eine sogenannte "Kruselerhaube" (Wulsthauben, gemeinsam mit der Hörnerhaube dominierende Kopfbedeckung für Damen in der Zeit von 1370-1452 (?). Spielzeug bildet die Welt im Kleinen nach, auch die damalige Damenmode.

Kruseler Ton-Püppchen als Spielzeug aus Nürnberg (14. Jahrhundert)


Anmerkung am Rande: Dieses Ton-Puppe ist jetzt nach 700 Jahren im 3D-Druckverfahren zum 50-jährigen Jubiläum des Spielzeugmuseums im Jahre 2021 bestellbar unter: spielzeugmuseum.digital.

Gegen diesen luxuriösen Kopfschmuck predigte Johannes Capristanus gegen an, verteufelte ihn ähnlich, wie das Spiel auf Spielbrettern, mit Spielkarten oder Würfeln (s. Abb. Hauben und Spielkarten im Feuer). Alles Eitelkeiten, die verbrannt gehörten.


Johannes von Capestrano fordert vom 15. bis 20. August 1452 in Bamberg die Menschen auf, Luxusgegenstände und Spielmittel zu verbrennen (Domplatz, Bild erstellt ca. 1470): "Verbrennung der Eitelkeiten". Das Bild verdeutlicht den damaligen gesellschaftlichen Grundkonflikt zwischen dem die Armut predigenden Bettelmönch und der weltlichen Lustbarkeit.

Am 10., 11. und 13. August 1452 predigte Capistrano über den heiligen Laurentius in Nürnberg, den Patron der großen Laurenzikirche in der Innenstadt (heute evangelische Lorenzkirche). Am 13. reiste er gleich danach weiter nach Forchheim, wo er am 14. August predigte, um dann am 17., 19. und 20. August in Bamberg aufzutreten.

Capistranus gegen Völlerei, Unzucht und Spielwut in Görlitz

Der Generalinquisitor Johannes Capistranus versichert 1452 den Görlitzern ausdrücklich, dass sie durch die Gebete und religiösen Handlungen der hiesigen Franziskanermönche Gottes Segen erhalten würden. Der Görlitzer Rat bat den berühmten, aber auch gefürchteten Mann, die Stadt zu besuchen. Am 10. Januar 1453 kam Capistranus mit 37 Begleitern nach Görlitz. Bartholomäus Scultetus (1540-1614, auch Schultheiß, Schultze, Barthel Schulze, wie man damals so mit Namen spielte...) überlieferte 100 Jahre später einen Bericht von den Ereignissen. Danach empfingen die Bürger den päpstlichen Legaten ehrfürchtig am Stadttor mit brennenden Kerzen und Reliquien, sie beleiteten ihn zu seiner Herberge im Franziskanerkloster. Auf dem Obermarkt errichtete man ihm ein aufwändiges Podest mit einem Predigtstuhl.


Obermarkt in Görlitz heute, Blick vom Reichenbacher Turm Richtung Osten

Der kleine, dürre, agile, alte Mann begeisterte und rührte die Bürgerschaft mit zündenden Worten und seinen Gesten. Dabei waren die drastisch vorgetragenen Botschaften für die meisten unbequem. Denn sie sollten ablassen von Unzucht, Völlerei und allem Laster. Sie sollten auf Modetorheiten verzichten. Er forderte sie auf, die Spitzen von Schnabelschuhen abzuhauen und lange Haare abzuschneiden. Wer nicht vom sündhaften Leben ließe, den würde Gott mit den Türken strafen. Capistranus verbrannte auf dem Obermarkt auch die verteufelten Brettspiel, Spielkarten und Würfel.

Verbrennungen in Augsburg

Der Benediktinermönch Johannes Frank führt in seinen Augsburger Annalen auf, dass Capistranus sechzig oder siebzig Fastnachtschlitten, ein ganzer Wagen voller Spielkarten, 1.300 Brettspiele und zahllose Würfel verbrennen ließ.

Scheiterhaufen in Erfurt und Arnstadt

Gegen Zins und Wucher predigte Johannes Capistranus ebenso wie gegen Spiel und Putz. Der Erfurfter Chronist beschreibt ihn als "sonderbar", weil er die Perrücken und langen Zöpfe der Frauen anprangerte, er um die Spitzen der modischen Schnabelschuhe sowie um Schminke und Spielkarten bat, um sie nebst Würfeln, Knöcheln, Brettspielen und unschuldigen Schachpuppen auf einem Scheiterhaufen zu Gottes Ehre zu verbrennen. In Erfurt hielt Capistranus 22 öffentliche Predigten in der Zeit vom 28. August bis zum 24. September 1452, hofiert vom Rat der Stadt, untergebracht im Franziskanerkloster, jeden Morgen feierlich begleitetet von zwei Ratsmeister und Vierherren (behördliche Verwaltungsmitarbeiter) der Stadt zur Predigt abgeholt. Seine abschließenden Anmerkungen zur Reparaturbedürftigkeit seines Quartiers wurden dann als geschickter Affront verstanden.

 


Kunstvolle Schachfiguren aus dem Mittelalter, hier König
und Königin aus Elfenbein (Lewis-Figuren)

Nicht weit von Erfurt entfernt, 20 km, liegt Arntadt als "ältester Ort in Thüringen", der das erste mal im Jahre 704 urkundlich erwähnt wurde. Der Barfüßerprediger Johannes Capistranus hielt auch dort eine "Reformpredigt", wie es die Stadtchronik beschreibt, am 27. August 1451. "Danach kam es zu Judenverfolgungen in Arnstadt." Die radikalen Predigten wühlten die Bürger auf, befeuerten den Antisemitismus. Der von der Kanzel verkündete Judenhass wurde damit begründet, "weil sie sich nicht taufen lassen wollten." Zumeist schwangen, wie in Breslau, jedoch auch Gier, Schuldenlast und genereller Rassismus mit, der durch den römisch-katholoschen Kirchenvertreter nun sein Segen fand. Das Beispiel aus Arnstadt zeigt, wenn Capistranus in einer großen Stadt wie Erfurt auftrat, dann trieb es ihn ebenso an, in den kleineren Städten drumherum ebenso zu predigen. Daraus lässt sich schließen, dass längst nicht alle seine Aufenthaltsorte und sein hasserfülltes Predigen dokumentiert sind.

Spiele als Teufelszeug in Magdeburg

Drehbuden, Trichterwerfen, Glücksspiele und ähnliches waren im bischöflichen Stadtgebiet von Magdeburg verboten. Jedoch waren Spiele, wie an allen anderen Orten, weit verbreitet und sehr beliebt. Mit archäologischen Funden lassen sich heute die damals beliebten Brettspiele Tric-Trac (französische Backgammon-Variante), Mühle und Schach mit nur einzelnen Spielsteinen aus unterschiedlichen Materialien und verschiedenen Verarbeitungsformen belegen. Von alten Spielkarten gibt es nur sehr wenige Belege.


Spielkarten, Landsknechte, 16. Jahrhundert; Sammlung Gerd Matthes

In den historischen Schriftdokumenten des 13. und 14. Jahrhunderts spielen Spielschulden eine wesentliche Rolle. So manchem Spieler wurde das Spielen mit Geldeinsätzen zum persönlichen Verhängnis. Vor allem mit Würfeln forderten die Spieler ihr Schicksal wohl des Öfteren exzessiv heraus und gefährdeten damit ihren materiellen Wohlstand. Gegen dieses Laster, bei dem Geld, Haus und Hof verspielt werden konnten, predigte Johannes Capistrano besonders gegenan, auch auf dem Magdeburger Domplatz. "Er redete mit solchem Feuer und machte mit seinen Ermahnungen zur Buße einen solchen Eindruck, dass Frauen und Männer ihre Spielbretter, Spielkarten, Würfel, Haarlocken und sonstigen Tand (hübsche, nutzlose Sachen, Kinderspielzeug) herbeibrachten und in einer dazu erbauten Holzhütte verbrennen ließen." (s. Hertel 1903, Schöffenchronik, S. 391, in Schaufenster Archäologie vom Stadtplanungsamt Magdeburg 2005)


Historische Spielwürfel, 16. Jahrhundert, Sammlung Stadtarchäologie Hall in Tirol

 

Predigtinhalte in Leipzig

Am 20. Oktober 1452 erreicht Johannes Capistranus die sächsische Stadt Leipzig, in der er einen Monat bis zum 20. November 1452 weilt und jeden Tag (mindestens) eine Predigt hielt. Von den 36 Predigten in Leipzig sind acht in der Universitätsbibliothek handschriftlich erhalten und zwei von diesen wurden von Eugen Jacob 1519 gedruckt veröffentlicht. Sie bilden auch die inhaltliche Grundlage für seine späteren Predigten in Breslau.

Themen seiner Ausführungen und Interpretationen (vgl. Hofer 1926, S. 135f.):

1. Über das Weltende (wie in den "Chemnitzer Gerichtspredigten")
2. Vom Ordensstande
3. Über die Waffen des geistlichen Kampfes (anhand der ganzen ritterlichen Ausstattung wir in 13 Hauptpunkten das geistliche Leben beschrieben)
4. Von der ewigen Glorie der Seligen
5. Über die armen Seelen des Fegefeuers
6. Über den heiligen Bernhardin von Siena
7. Die Zeichen am Ende der Welt
8. Von der Nachfolde Jesu

Zusammengefasst sind das Weltenende, die Weltentsagung sowie die geistliche Waffenrüstung die Kernthemen, die er auch mit in seine Lieblingsstadt Breslau (Schlesien) nahm.

Judenmorde, Bücherverbrennung und Spieleverbrennungen in Breslau

Bereiste der Fanatiker, der selbst der franziskaner Sekte der besonders strengen "Observanten" angehörte, eine Stadt, dann waren allerdings nicht nur Minderheiten betroffen, sondern potentiell alle Bürger. In einer Art Vorwegnahme des Calvinismus ließ er beispielsweise 2. Mai 1453 auf dem Breslauer Salzring nicht nur Bücher sondern auch wieder Luxusgegenstände und Spiele verbrennen. Dazu kam dann die noch viel gravierendere Vertreibung von 318 Juden aus der Stadt und die Ermordung von 41 von ihnen auf dem Scheiterhaufen (s.o. und Juden in Breslau). Das Vermögen der Juden wurde eingezogen, was wohl der eigentliche Grund für den Pogrom war, man fand im Archiv allein elf Hefte mit Schuldbriefen, die den Juden gehörten, d.h. die Breslauer Bürger haben sich auf diesem Wege finanziell "entschuldet".

Im Jahre 1453 verbrachte Capistranus die gesamte Fastenzeit mit 44 Predigten in Breslau. Der Franziskaner Johannes Hofer (s. Quelle 11, S. 148) versucht noch 1926, die Wirkungen der Capistranus-Predigten zu relativieren. Kapistrans "bekannte Judenfeindlichkeit" sei nur in der 32. Predigt einmal durchgebrochen. Der "große Judensturm" brach zwar unmittelbar nach den Fastenpredigten aus, aber der schien ja berechtet gewesen zu sein, wegen eines "Religionsfrevels". Juden hätten angeblich die Hostien geschändet. Von da ab hätte Kapistran "die Judenfrage schon öfter auf die Kanzel gebracht".

Die Breslauer Predigten haben den Vorzug, dass ein Teil davon gedruckt durch Eugen Jacob aus dem Jahre 1519 vorliegen. Die 40 Fastenpredigten gliedern sich in drei Teilbereiche. Der erste umfasst fünf Predigten zum Fastengebot der Kirche, über den Ursprung, den Sinn und Zweck dieser Vorschriften. Die folgenden 13 Vorträge vom 19. Februar bis 3. März beschreiben das Weltgericht. Die dritte Reihe vom 4. März bis 23. März handelt von der Buße (vgl. Hofer 1926, S. 139f.).

Kommentierung der Predigten aus Sicht eines Franziskaners

Der Franziskaner P. Dr. Johannes Hofer C. Ss. R. in Katzeldorf bei Wiener-Neustadt hat in den "Franziskanischen Studien" des Aschendorff Verlages aus Münster (Westfalen) 1926 (s. Quelle 11) sich mit den zur Verfügung stehenden handschriftlichen und den wenigen gedruckten Dokumentationen der Predigten des Johannes Capistranos ausführlich beschäftigt und diese sehr relativierend kommentiert.

"Der Bußprediger unser Tage hat es vielfach mit Leuten zu tun, die selbst in den Grundlagen des christlichen Glaubens und Lebens fast neu unterrichtet, oder wenigstens gründlich aufgeklärt und befestigt werden müssen. In den Tagen Kapistrans machte sich zwar das Wehen des neuzeitlichen Geistes schon stark bemerkbar, im Durchschnitt wohnte aber dem Volke in allen Schichten trotz mancher sittlicher Gebrechen eine Glaubensstärke und Glaubensfreundlichkeit inne, von der wir uns heute keine rechte Vorstellung mehr bilden." (s. S. 146f.). So schwärmt ein Prediger des 20. Jahrhunderts über das 15. Jahrhundert und wünscht sich fast ins Mittelalter zurück.

Ohne auf die Wirkungen der Predigten einzugehen, die parallel stattfindenden Verbrennungen von Menschen und Spielmitteln, betrachtet Hofer ausschließlich die Texte und deren Inhalte: "Was die Inhalte angeht, so ist man zunächst überrascht, so wenig Polemik zu finden. Kapstrans Tätigkeit wird ja vielfach aufgefaßt als ein unablässiger Kampf gegen Juden, Türken und Ketzer." (s. S. 147).

In Bezug auf die "zeitgenössischen Chronisten" versucht Hofer die Verteufelung der Spiele und des Tanzes einzugrenzen. Er behauptet, das heftige Eifern Kapistrans gegen Luxus, Tanz und Spiel in seinen Predigten hätte keinen breiten Raum eingenommen. "In den Leipziger und Breslauer Predigten, soweit sie uns wenigstens überliefert sind, ist dies sicher nicht der Fall. Über den Tanz spricht er nur in der 3. Fastenpredigt; er betont zwar sehr nachdrücklich die sittlichen Gefahren des Tanzvergnügens, unterscheidet aber mit dem heiligen Thomas genau zwischen erlaubten und unerlaubten Tänzen."

"Ebenso maßvoll äußert er sich in der 5. Fastenpredigt über das Spielen. Er bekämpft nur die Hazardspiele, eine Pest jener Zeit, gegen die auch die weltliche Obrigkeit einschritt. Spiele ohne Geldeinsatz erklärt er für erlaubt. Eine eigene Predigt über das Spiel findet sich unter seinen Regensburger Predigten; hier zählt Kapistran nicht weniger als 50 Verbrechen auf, die aus der Spielwut hervorgehen. Nach einer solchen Predigt wurden dann ganze Berge von Spielgeräten verbrannt, was aber keine Erfindung Kapistrans war, sondern Bernhardins. Bei der unsinngen Spielwut jener Zeit war dieser Vernichtungskrieg gegen die Geldspiele auch eine volkswirtschaftliche Wohltat." (s. S. 148).

Auch wenn Hofer einen "Vernichtungskrieg" gegen die Geldspiele erkennt und davon spricht, dass "Berge von Spielgerät" verbrannt wurden, versucht er die Wirkungen der Predigten vom Umfang und der Verbreitung her unangemessen zu relativieren. Die Chronisten waren da schon viel genauer und die Stiche, Zeichnungen und Gemälde zeigen in den dargestellten Feuern viele Spiele, die auch ohne Geldeinsatz gespielt werden können. Hat sich der sehr geschulte Rhetoriker und Prediger Capistrano in so vielen Städten auf all den Markplätzen so missverständlich ausgedückt? Wohl nicht. Regelspiele haben ihre eigenen Regeln, keine göttlich zertifizierten Rahmenbedingungen. Waren ihm die vielleicht auch deshalb ein Dorn im Auge?

Die Wirkung von Johannes Capestrano

Aus heutiger Sicht erscheint beim ersten Blick die Wirkung seiner Predigten, die ein radikaler Franziskaner und Bettelmönch damals erzielt hat, als rätselhaft, schwer nachvollziehbar. In zahlreichen Chroniken und zeitgenössischen Berichten sind uns seine Angriffe gegen ein Leben im Überfluss und die Dinge, die Menschen schön finden und die ihnen Freude bereiten, wie Schmuck, Spiel oder Tanz belegt. Und darüber weit hinaus ist sein für die Minderheit der jüdischen Mitbürger Tod bringender Hass und sein genereller Antisemitismus dokumentiert.

Bei seinen Predigten reichten oft die zu kleinen Kirchenräume nicht aus, so dass er auf Marktplätzen zu tausenden Menschen sprach. In einer Kirche hätte man wohl auch nicht die Brettspiele, Spielkarten und Würfel publikumswirksam und spektakulär verbrennen können ohne das Gotteshaus zu gefährden. Dieses die Zuhörer mitreißende "Programm" samt eigener Mitwirkung durch das Mitgebrachte spielte Johannes Capistranus mit seinem Team (u.a. seinem Sekretär Nicola da Fara) in jeder Stadt ab, die ihm dafür einen öffentlichen Platz anbot.

In Bezug auf seine Themen Judenhass sowie Verteufelung von Spiel und Tanz haben sich seine Predigten in Stadtrechten und fürstlichen Verordnungen gravierend niedergeschlagen. "Einer der Gönner Casperanos, Landgraf Wilhelm III. von Thüringen, erließ im Anschluss an dessen Predigttätigkeit in Jena am 27. Oktober 1452 sittenpolizeiliche Verordnungen für sein Fürstentum zur Abstellung der Spielsucht, ferner gegen Trinkunsitten, gegen Müßiggänger, gegen Konkubinate sowie Wucher- und Zinsgeschäfte." (vgl. Koal, Valeska, nach J. Paulus, Chronica Schwarzburg, Altenburg 1753, S. 527f.).


Wirkung außerhalb des geschriebenen Wortes

Capistrano war kein Schriftsteller, er war Wanderprediger und die Mitschriften seiner Aussagen stammen von Dolmetschern oder anderen Predigern, die der lateinischen Sprache mächtig waren, um beim Zuhören mitschreiben zu können. Nur wenige seiner Predigten wurden gedruckt. Es gibt in vielen Bibliotheken sehr vertreut zahlreiche handschriftliche Aufzeichnungen. Trotzdem war und ist dieser "Heilige" in den Gedanken vieler Menschen über Jahrhunderte vertreten, so dass sogar in den USA im Süden Kaliforniens, eine der ältesten westlichen Siedlungen (1776) dieses Bundesstaates noch 1961 bei der offiziellen Gründung der Stadt die Einwohner auf die Idee kamen, den alten Siedlungsnamen "San Juan Capistrano" für ihre Stadt zu übernehmen (s. Bild unten).

Kirchgang in "San Juan Capistrano", Kalifornien, USA

Forschung zu Regelsystemen und Predigten

Die Predigten von Johannes Capistranus müssten aus ludologischer Sicht als Forschungsprojekt gesichtet, analysiert und ausgewertet werden (als Quelle kann u.a. Hofer 1926 dienen, der eine sehr gute Übersicht über die verteilten weiteren Quellen zu den Predigten liefert, vor allem weil es mehr Handschriften als gedruckte Bücher in den Bibliotheken gibt, s.u. 11., S. 121). Valeska Koal hat dies in Bezug auf den Tanz 2019 mit ausgewählten Predigten von Johannes von Caspestrano getan, weil dieser einer der wenigen Prediger war, der aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen, er "tanzte bis zu seinem 30. Lebensjahr gerne bei Hofe", sich auch dem "Teufelswerk" des Tanzes gewidmet hat: "Besser wäre es, glühende Kohlen in die Hand zu nehmen, als die Hand eines Mädchens. ... wenn Du diese im Verlangen nimmst, begehst Du eine Todsünde." 

Die weltliche Zerstreuung des Tanzens verdammte Capistrano, ebenso wie sein Lehrer Bernhardin von Siena, weil die Tänze nur dazu dienten, eitle Selbstüberschätzung und überzogenen Stolz zur Schau zu stellen. Besonders an Sonn- und Feiertagen seien solche "Auswüchse" verwerflich. (vgl. Koal, Valska 2019, S. 346)

Glaubenssysteme und die Weltrettung

Was ist "gut" was ist "böse"? Wenn ein Mensch ein Glaubenssystem für absolut wahr und einzig glückseligmachend empfindet, dann geht er davon aus, dass die Ideen, Überzeugungen, Einstellungen und Normen dieses Systems die Welt "richtig" in gut und böse ordnen. Der "heilige Franziskus" (Franz von Assisi (1181-1182)), Begründer des Franziskanischen Ordens von Bettelmönchen) sah ebenso wie Johannes Capistranus die Welt von anderen Ideen als den eigenen bedroht.

Der Barockmaler Peter Paul Rubens (1577-1640) hatte zahlreiche kirchliche Gestaltungsaufträge, u.a. für die Darstellung des Franz von Assisi (s. Bild unten), als Beschützer der Welt. Ein Bettelmönch als Weltenretter. Damals ging es noch nicht um eine Klimakatastrophe und den notwendigen Konsumverzicht sondern um ein in sich geschlossenes Glaubenskonzept als eine für absolut und alleinig erklärte Wahrheit.

Gemälde von Peter Paul Rubens (1577-1640): "St. Franziskus - Beschützer der Welt", Brüssel, Königliches Museum

Manchen Menschen scheinen solche geschlossenen Gedankenkonstrukte und Fiktionen nicht nur zu gefallen, sie definieren ihre komplette Identität aus einem solchen Referenzsystem und das anscheinend bewusst freiwillig und / oder entsprechend kulturell sozialisiert. So schreibt der Franzikaner Hofer 1926: "In Kapistran ist der hervorragenste Vertreter der italienischen Wanderprediger aus der Schule des hl. Bernhardin über die Alpen gekommen." (s. S. 120). Wie oben geschildert, ignoriert er dabei die Verbrennungen der Menschen, Bücher, Spiele und Schmuckgegenstände als Wirkung der Inquisition. Bei dem verwendeten Begriff "hervorragendster ... Wanderprediger" kommt wohl niemand auf die Idee, dass dieser Beruf die oben beschriebenen Folgen hat.

Entheiligung, Profanierung von Capistranus

Franziskaner und die römisch-katholische Kirche verehren ihre Heiligen. Johannes Capistranus ist seit 1690  immer noch einer von ihnen. Obwohl inzwischen die durch Hasspredigten und Verbrennungen belegte Erregungsbewirtschaftung des Wanderpredigers mehrfach belegt sind, genießt dieser Bettelmönch noch Anerkennung in Kirchenkreisen (vgl. Hofer 1926, S. 157: "die gewaltige Erregung der Gemüter seiner Zuhörer").

Es stellt sich die Frage, ob die römisch-katholische Kirche nicht ähnlich, wie bei entweihten Kirchengebäuden, die dann nicht mehr für Gottesdienste sondern ggf. als Bürogebäude genutzt werden, auch Heilige, die diesen Status nicht mehr verdienen, entheiligen kann. Die katholische Kirche nutzt dafür den Fachbegriff der "Profanierung" oder "Profanation". Es wird etwas angeblich "Heiliges" wieder profan. Das wäre doch mal eine Idee.

So wie das Spielzeugmuseum in Nürnberg, dem Ort unweit der Frauenkirchen mit den Brettspielverbrennungen des Capistranus, heute antirassistisch kuratiert, eindeutig rassistisches Spielzeug nur noch in einem nicht verletzenden Kontext neu ausstellt, könnte doch auch die römisch-katholische Kirche einmal durch ihre "Sammlung" der Heiligen gehen, ihnen einen modernen, zeitgemäßen Kontext geben, der die "Heiligen" zumindest als arg profan benennt oder gar sich traut, die Hetzer, geistige Brandstifter oder gar Mörder auch so zu bezeichnen. Aber eher wird wohl eine Frau Päpstin, bis das passiert.

Verteufelung von Spielen heute

Im 21. Jahrhundert gibt es noch immer Institutionen, die Spiele "verteufeln". So sank der Aktienkurs der chinesischen Gamingfirma Tencent ("Clash of Clans" etc.) drastisch, als die Staatsmedien der Kommunistischen Partei Chinas Spiele als "Opium für den Geist" oder "elektronische Drogen" am 4. August 2021 bezeichnet haben.

"China verteufelt Online-Gaming: Tencents Aktienkurs fällt", Artikel auf heise.de.

 

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In der Forschungsarbeit vom Studienrat Otto Reisig (Direktor des Spielkartenmuseums Altenburg 1932-1945) aus dem Jahre 1935 hat er die Aufenthaltsorte von Johannes Capistranus versucht chronologisch zu dokumentieren:

Hinreise nach Wien, Böhmen und Mähren 1451 / 1452

Venedig, Fastenzeit, 10. März 1451 ff.
Caprioli bei Udine (?), 22. April 1451
Portogrunaro, 30. April 1451
Clemona Pontebba, 11. Mai 1451
Villach, 18. Mai 1451

Wiener Neustadt, 30. Mai - 6. Juni 1451
Wien I, (Ankunft abends, 7.6., 8.6. Minoritenkirche) 9. Juni - 30. Juli 1451

Laa an der Thaya
Brünn I, 31. Juli - 15. August 1451
(Olmütz, Mähren, September 1451)

(Arnstadt, Thüringen, 27. August 1451 ?)

Znaim, Südmähren, 23. September - 5. Oktober 1451
Eggenburg, 7. - 11. Oktober - 1451
Zwettel, 12. Oktober 1451
Krumau
Passau I (?), 20. November 1451
Vilshofen, 22. November 1451
Regensburg I, 26. November 1451
Eger, Ende November 1451 bis Anfang Januar 1452
Zwickau, 4. Februar 1452
Chemnitz (?), 4. Februar 1452
Freiberg, 17. Februar 1452
Meissen I, 9.-12. März 1452
Freiberg, 22. März 1452
Sayda, 23. März 1452
Brüse (Brüx, Böhmen), 26. März bis Juni 1452

Die Umkreiung Böhmens im Westen, Norden und Osten 1452 bis 1454

Regensburg, (ab 10.06. zur "Regensburger Tagung" die ab 18.6. stattfand) 22. bis 26. Juni 1452 (?)
(Abreise aus Regensburg am 3. Juli)
Amberg, 4. Juli 1452
Neumarkt
Eichstädt

Nürnberg, (17.) 20. Juli - 10. (13.) August 1452
(Forchheim, 14. August 1452)
Bamberg, 15. August 1452 (Predigten vom 17., 19. und 20. August)

Coburg, 23.-24. August 1452
Arnstadt, 27. August 1452

Erfurt I, 28. August - 6. September 1452
Jena, 6. September - 16. (?) (diplomatische Gespräche mit Kurfürst Wilhelm III. von Sachsen, dem Tapferen, 1425-1482)
Erfurt II, 16.-24. September 1452
Naumburg (?)
Merseburg
Halle, 1.-6. Oktober 1452
Magdeburg
Zerbst

Leipzig (vom 20. Oktober bis 20. November 1452)

Grimma, 22. Novemberg 1452
Torgau
Meissen II (?)
Dresden, 2. Hälfte Dezember bis zum 27.12.1452
Bautzen
Görlitz
Sagan, 10. Januar 1453
Lauban ("Lubanum")
Löwenberg ("Lemberg")
Goldberg, 3. Februar 1453

Breslau I, 13. Februar - 30. April 1453

Neisse, zwischen 30. April und 19. Mai 1453

Breslau II, 20. Mai - 20. August 1453 (?)

Göttingen, 17. Juni 1453
Auf dem Markte öffentliches Verhör zweier Ketzer durch den päpstlichen Beauftragten Dr. Fridericus Molitor, anschließend werden beide verbrannt. Der Barfüßermönch Johannes Capristanus (?) hält auf dem Markte lateinische, dann verdolmetschte Predigten gegen den Luxus und läßt Schmuck, Würfel und Kartenspiele verbrennen. (s. Stadtarchiv Göttingen)

Oppeln I (?)
Beuthen I (?)
Krakau, 28. August 1453 bis 19. Mai 1454
Beuthen II ("Bithokom")
Oppeln II

Breslau III, 29. Mai 1454 - 18. Juli 1454

Oppeln III (?)
Troppau (?)

Die Türkenpredigtreise 1454-1456

Olmütz, 16. August 1454
Brünn III (?)
Enzerdorf

Wien II, Ende August 1454 (?)

Passau II
Frankfurt / Main, 29. September - 29. Oktober 1454 (?)
Würzburg, Oktober 1454

Wien III, Weihnachten 1454
Wiener Neustadt II, März-April 1455
Wien IV, Mai 1455

Buda-Pest I, 21. Juli 1455
Stuhlweißenburg
Buda-Pest, Februar 1456

Belgrad I (?), 3. Juli 1456
Semlin, 14. Juli 1456
Belgrad II, 14.-21. Juli ff.
Peterwardein

Ilok (Ujlak, Vyolak) bei Vukovar (Ungarn) an der Grenze zu Bosnien, heute Kroatien.
Tod am 23. Oktober 1456

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Quellen:

1.) Wikipedia.de: Johannes Capistranus aus Hofer, Johannes (Autor, Innsbruck 1936), Bonmann, Ottokar (Bearbeiter): "Johannes Kapistran. Ein Leben im Kampf um die Reform der Kirche". Neue Bearbeitung. Band 1, Verlag Kerle, Heidelberg 1964, S. 31-458

2.) heise.de: Judenverbrenner als Schutzpatron der Anwälte (2009)

3.) Italy Heritage: San Giovanni da Capestrano

4.) Koal, Valeska (2019): "Die Predigten des Johannes von Capestrano im Kontext der spätmittelalterlichen Tanzdebatte" (PDF-Download)

5.) heiligenlexikon.de: "Johannes von Capestrano", Bouzek, Helmut (2017): "Heiliger Judenhetzer - der Retter des Abendlandes?"

6. Wikipedia: "Juden in Breslau"

7. Online-Katalog Österreichische Nationalbibliothek: Vita Johannis Capistrani.

8. Diplomarbeit von Matthias Klementschitsch (2018): "Spiele spielen eine Rolle: Über den Stellenwert von Brett-, Karten- und Würfelspielen in der spätmittelalterlichen Gesellschaft", Universität Wien (PDF)

9. Chronik von Arnstadt (1999) in Thüringen, bei Erfurt: Seite 168.

10. Schaufenster der Archäologie, Stadtplanungsamt Magdeburg 2005, S. 26.

11. Hofer, Johannes (1926): "Zur Predigttätigkeit des hl. Johannes Kapistran in deutschen Städten". In: "Franziskanische Studien", Aschendorff Verlag, Münster in Westfalen 1926 (PDF-Download)

12. Hofer, Johannes (1937): "Johannes Kapistran - Im Kampf um die Reform der Kirche", 2 Bände, F. H. Kerle Verlag, Heidelberg 1965 (Bibliotheca Franciscana)

13. Piper, Ernst (1979): "Savonarola. Prophet der Diktatur Gottes", S. 80-81

14. Initiativkreis Barfüßerkirche Erfurt: Johannis Capistranus (auch Kapistran), Online-Artikel.

15. Süddeutsche Zeitung: "Judenhasser ist Namensgeber für Kirche in Bogenhausen" vom 19. Februar 2019: Online-Artikel.

 


Hofer, Johannes (1937): "Johannes Kapistran - Im Kampf um die Reform der Kirche", 2 Bände, F. H. Kerle Verlag, Heidelberg 1965 (Bibliotheca Franciscana): Sehr verzerrtes und römisch-katholisch geprägtes Lebenswerk von Johannes Hofer zum Inquisitor und Wanderprediger Johannes Kapistran, der dort als "Apostel Europas" vom Autor und Franziskaner Hofer verehrt wird.


Beitrag zu "Johannes von Capestrano" im dtv "Lexikon des Mittelalters" von 2002, röm.-katholisch geprägter Text von K. Elm:

"J. v. Capestrano OFM [ordo fratrum minorum, Orden der Minderen Brüder], hl. (Festtag: 23. Okt., seit 1885: 28. März, seit 1958/62: 23. Okt.), geb. 24. Juni 1386 in Capestrano (Prov. Aquila), gestorben 23. Okt. 1456 in Ilok a.d. Donau, ebd. Franziskanerkirche (Grab 1526 zerstört, Reliquien verschollen), Kanonisation: 16. Okt. 1690; Sohn eines Ludwig v. Anjou ins Kgr. Neapel gekommen, vom Gf. en v. Celano mit der Herrschaft über Capestrano belehnten Adligen. Nach mehrjährigem Studium des röm. und kanon. Rechts in Perugia wurde er Richter bzw. Beamter in Neapel und Perugia, wo er während der Auseinandersetzungen der Stadt mit Carlo Malatesta in Gefangenschaft geriet. 1415 vollzog J. in einem Turmverließ in Brufa (Torgiano) den Bruch mit der Welt und trat nach der Befreiung in der Peruginer Observantenkonvent S. Francesco del Monte (Monteripido) ein.

Nach der Priesterweihe (wahrscheinl. Ende 1418), kurzem Aufenthalt am Hofe Martins V. in Mantua und nach der Übernahme des Vikariates der abruzzes. Observanten begann eine intensive, bis 1451 auf Italien beschränkte, nur durch Visitationsreisen in Hl. Land (1439/40) und in die Niederlande (1440) unterbrochene Predigt-, Vermittler- und Inquisitorentätigkeit. J. stellte sich, zeitweilig zusammen mit dem von ihm hoch verehrten, auf sein Betreiben hin 1450 kanonisierten Bernardinus v. Siena, in den Dienst der Verkündigung und Verteidigung des Glaubens sowie der Restauration des durch Schisma und Konziliarismus geschwächten Papstums. Damit eng verbunden war sein Einsatz für die Verbreitung und Organisation der im letzten Viertel des 14. Jh. einsetzenden Reform der drei Zweige des Franziskanerordens, die 1446 in eine fakt., die formale Einheit des Ordens wahrende Unabhängigkeit der Observanten ihren vorläufigen Abschluß fand.

Höhepunkt seiner kirchen- und ordenspolit. Tätigkeit war die 1451-1454 unternommene Predigtreise n. der Alpen, die sowohl der religiösen Erneuerung des Klerus und der Laien als auch der Bekämpfung der Hussiten diente. 1454 stellte sich J. in den Dienst des Türkenkrieges (Reichstage in Frankfurt 1454 und Wiener Neustadt 1455) sowie der Kreuzzugspredigt (1455-56) und hatte erhebl. Anteil an der Rettung Belgrads (1456). J. hinterließ neben seinen meist in Ab- oder Mitschriften überlieferten Predigten zahlreiche Briefe, Gutachten und homilet. und moraltheol. Schriften, die mit wenigen Ausnahmen nur in Mss. oder unzulängl. Drucken vorliegen."

Redakteur: K. Elm, ebenso Autor von "Johannes Kapistrans Preditreise diesseits der Alpen" (AAG, Phil.-Hist. Kl. III, 179, 1989).  "Der Bußprediger C. auf dem Domplatz in Bamberg", eine didaktische Ausstellung des Historischen Museums Bamberg und des Lehrstuhl I für Kunstgeschichte an der Universität Bamberg, 28. Mai - 29. Oktober 1989, hg. R. Suckale, L. Hennig, 1989.