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Gerhard von Kujawa: "Ursprung und Sinn des Spiels" (Deutsches Reich, 1940)

Das nationalsozialistische Deutschland begann 1939 einen Angriffskrieg, den II. Weltkrieg. In dem Kriegsjahr 1940 veröffentlichte Gerhard von Kujawa als Psychologe in Leipzig seine Schrift "Ursprung und Sinn des Spiels" auf grobkörnigem, sehr holzigem, gelblichem Papier, welches schon damit aus rein materieller Sicht den Mangel der grausamen Zeit verdeutlicht.

Carl Gustav Jung (1875-1961)

Carl Gustav Jung (1875-1961)

Gerhard von Kujawa bezeichnet sich in seinem "schmalen Heftchen" (s. S. 4) "Ursprung und Sinn des Spiels - Eine kleine Flugschrift versehen mit Randbemerkungen eines Schildbürgers " damit als "Schildbürger". In der damaligen nationalsozialistischen Realität des Kriegsjahres 1940 als Psychologe leben zu müssen, erforderte geistige Fluchtpunkte, auch wenn es nur der imaginäre Ort "Schilda" war, wo es nach der Romanvorlage üblich war, anderen Menschen Schildbürgerstreiche zu spielen. Die einzelnen Geschichten der Schildbürger wurden als Schwänke und humoristische Erzählungen gesammelt, zusammengetragen und ähnlich, wie die unglaublichen Geschichten von Till Eulenspiegel (1510), in einer Gesamtausgabe 1598 publiziert.

Historischer Hintergrund und aktueller Bezug

In Nazi-Deutschland ein Buch zu produzieren, welches nicht ideologisch mit der vorherrschenden Kriegsrethorik konform ging oder auf diese einzahlte, konnte nur über eine Metapher, eben diese der Schildbürger, der Narren aus dem Mittelalter, durch Gerhard von Kujawa realisiert werden. In hoher Anerkennung an dieses Vorhaben und im Abstand von 80 Jahren, heute mit der rückblickenden historischen Brille betrachtet, wo aktuell Faschisten und Nationalisten in Landesparlamenten und in den Deutschen Bundestag mit einem beängstigten hohen Prozentsatz über das parteipolitischen Deckmäntechen eine "Alternative" zu sein, wieder gewählt wurden, ist es sehr aufschlussreich sich dieses schmale Heftchen genauer anzusehen, zwischen den Zeilen zu lesen und zu interpretieren.

Gerhard von Kujawa (1940): Ursprung und Sinn des Spiels

Mit seinen ersten Worten "Zum Geleit" wird deutlich, was dieses Buch mit seinem aus dem Materialmangel des Krieges heraus auf nur knapp 120 Seiten verfassten Text sein wollte, eine Brennessel sowie gleichzeitig ein Teil des Salzes der Erde: "Bekanntlich fingen die Schildbürger eines Tages an, Salz zu säen und ernteteten davon - Brennessel; von ähnlichen Erfahrungen weiß heutigen Tages noch ein jeder Schildbürger zu berichten und auch mir ist derlei nicht erspart geblieben, was ich munter vorweg bekenne; was aber das Salz anbetrifft, so wird dadurch gleichwohl die alte Stelle vom Salz der Erde nicht entkräftet. ... Eine intellektuelle Steuerung des Volksganzen ist notwendig; aber deswegen soll man nicht in den Fehler verfallen, das Steuermannsexamen als Allgemeingut zu fordern." (s. S. 6)

Spielerische Methapern gegen den Nationalsozialismus

Mit den verwendeten Methaphern, hat es Gerhard von Kujawa geschafft, an der damaligen nationalsozialistischen Zensur vorbei, das ihm sehr wichtig erscheinende Thema des Spiels zu platzieren. Vielleicht hat schon sein Name, der vom westpreußischen Landadel abstammte, der nationalsozialistischen Kontrollbehörde (Reichsschrifttumskammer, RSK) in die Augen gestrahlt? Eindeutig formuliert der Autor seine Intention auf Seite 5, seine Schrift eigentlich nur, wie einen offenen Brief, an eine einzige Person zu richten: Carl Gustav Jung (1875-1961). Das Buch sollte also eigentlich gar nicht für das allgemeine Volk sein, sondern wohl eher ein Text für Wissenschaftler, Psychologen?

In seinem Geleit spielt der Schildbürger von Kujawa zum einen den anscheinend dummen Menschen, der Salz säen will, damit Brennessel wachsen, wohl wissend, dass diese Pflanze eine sehr nützliche Funktion als Faserpflanze hat und sie sich mit Hilfe ihres eigenen Giftes gegen äußere Feinde wehren kann. Zum andere ist das Salz der Erde die aus der Bibel stammende Metapher im Matthäus-Evangelium der Bergpredigt (Mt. 5,13). Die Jünger Jesu werden mit dem damals sehr wertvollen und seltenen aber wichtigen Salz in Beziehung gesetzt. Sie bringen die für eine Gesellschaft notwendige Würze in die Masse rein, damit die Gemeinschaft allen schmecken kann.

Nun betrachtet sich der Psychologe Gerhard von Kujawa nicht als Jünger Jesu, aber er nutzt dieses Bild, um mit seinen "Randbemerkungen" salzige Themen in ein nationalsozialistisches Umfeld einstreuen zu können.

"Die hier niedergeschriebenen "Randbemerkungen" geben sich aus diesem Grunde als solche; auch weil sie bei der Kürze des zur Verfügung stehenden Platzes (Anm.: Papierknappheit im Krieg) nichts anderes sein wollen, noch können; wenn gleichwohl der Versuch unternommen wurde, der Betrachtung des Spieles noch einiges Neue oder in der bisherigen Literatur doch nicht mit der vielleicht erwünschten Deutlichkeit Gesagte abzugewinnen, so geschieht dies noch aus einem besonderen Grunde. Ich sehe in der wissenschaftlichen Bearbeitung des Spieles, und zwar sowohl nach der systematischen Seite hin, wie vor allem aber auf den "Sinn" bezogen, eine wesentliche Aufgabe unserer nächsten Zukunft. Das Spiel ist der "uneigentliche" Ausdruck eines Grundbedürfnisses im Menschen, dessen andere Ausprägungen die künstlerische Betätigung im allgemeinsten Sinne oder aber die religiöse Betätigung darstellen. Eine solche Auffassung nicht "nachzuweisen", wohl aber ihre Geltung neben anderen Auffassungen nahezulegen, ist die Absicht der folgenden Seiten." (s. S. 7)

Blendwerk?

"Das klassische Altertum unterschied drei Arten der praktischen Theologie: die mythische (historische) Seite;  die philosophische und die politische; die letzte war die nach außen hin maßgebende, deren Formen die principes civitatis festlegten. Es scheint mir mancherlei dafür vorzuliegen, daß eine derartige Dreiteilung des "Heiligen" wieder einmal bevorstehen könnte. (Anmerkung 4: Ich verweise u.a. auf (Albrecht) Blau, Geistige Kriegsführung; Potsdam 1937. - Ferner Pintschovius, Die Dämonie des militärischen Führers; Berlin 1940.)" (s. S. 7-8)

Kujawa weist hier auf einen überzeugten Nationalsozialisten als Autor hin. Albrecht Blau hatte 1935 "nur für den Dienstgebrauch" das Buch "Propaganda als Waffe" in Berlin publiziert und dann das erwähnte Buch "Geistige Kriegsführung" 1937. Er gehörte zur Propagandakompanie (PK) und leitete die Amtsgruppe für Wehrmachtpropaganda IV als Oberstleutnant, zuständig für die Auslandspropaganda. Hat Kujawa vielleicht diesen Namen in seinen Text bewusst mit eingestreut, um die NS-Zensur-Behörde damit zu blenden, weil er wusste, dass sie diesen Namen kennen und positiv bewerten würden? Wir würden es so gerne hoffen.

Geistige Väter spieltheoretischer Ideen

"Von den Lebenden seien bedankt: zuerst zwei Holländer, denen als Wegbreiter des Spielthemas bedeutende Arbeit zufiel: Buytendijk und Huizinga. Dann Ziegler; Burkamp und Guardini, die Vereinzeltes, aber dennoch Wesentliches hinzufügten. Endlich Zen Dun Sung; Swami Inanananda sowie Lin Yu Tang als Führer durch den Osten. Und zuletzt Jakob Baron Uexküll, dessen "Niegeschauten Welten" die nachfolgenden Seiten einen "uneigentlichen" Beitrag zuspiegeln - aus der Umwelt einer Schildbürgers.
Wenn sich gleichwohl dieses Heftchen an einen Einzelnen richtet, so hat dies den Grund in einer besonderen Verbundenheit; gleichzeitig hoffe ich, daß die nachfolgenden Darlegungen eine gewisse Ergänzung zu
Jungs letzer Veröffentlichung, den "Terry Lectures 1937" bilden möchten.
23. Juni 1949. Gerhard v. Kujawa"
(s. S. 8-9)

Wenn Kujawa 1933 Buytendijk und 1938 Huizinga als niederländische Autoren wahrgenommen und sie verstanden hat, er sie an dieser Stelle würdigt, dann ist dies wieder ein Beleg dafür, dass er kein ausgeprägter Nazi sein konnte.

Den Begriff "Umwelt" definierte der deutsche Biologe und Philosoph Jakob Johann von Uexküll (1864-1944) als bedeutender Zoologe in seinem Buch "Umwelt und Innenwelt der Tiere" von 1909. Kujawa bezieht sich auf Uexkülls "Niegeschaute Welten" von 1936, nutzt dabei wieder seine Metapher des Schildbürgers und bringt diese in Beziehung zum Umwelt-Begriff Uexkülls als "uneigentlichen" Beitrag. Ist dies als kritische Anspielung auf dessen nationalsozialistische Nähe zu sehen? Denn Uexküll unterzeichnete am 11.11.1933 das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler.

Auch der schweizer Psychologe Carl Gustav Jung, dem Kujawa das Buch widmete, war der NS-Zensur kein Dorn im Auge, weil er sich äußerst positiv zur "nationalsozialistischen Bewegung" in Deutschland in einem Beitrag 1934 geäußert hatte. Wie war Kujawas Einstellung selbst den Nazis gegenüber? Auf der Liste der Hilter bekennenden verbeamteten Professoren steht er jedenfalls nicht drauf. Leider gibt es zu ihm kaum im Internet recherchierbare Daten. Selbst Geburts- oder Sterbedaten fehlen. Sein Büchlein ist nur von wenigen anderen Autoren erwähnt worden, weil es eben mit dem Erscheinungsjahr 1940 innerhalb Nazi-Deutschlands auch keinen sehr humanistischen oder offenen Blick vermuten lässt. Aber mit seinem Hinweis auf die "Terry Lectures" die C.G. Jung an der Yale University in den USA 1937 zum Thema "Psychologie und Religion" gehalten hatte, möchte er mit seinem Heft eine Ergänzung darstellen, das nach dem Ursprung und Sinn des Spiels fragt. Da vermutet man eher den Blick über den Tellerrand, als NS-Propaganda.