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Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759-1839): "Spiele" von 1796

Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759-1839) war ein prägender deutscher Pädagoge, der die Erziehungsanstalt in Schnepfenthal bei Gotha leitete. Dort übernahm er die Idee von Christian Gotthilf Salzmann, dass für junge Menschen "Leibesübungen" sinnvoll seien und baute diese aus. So wurde er zu einem Mitbegründer des Turnens.

Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759-1839)

Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759-1839)

Im Jahre 1796 legte er die von ihm erstellte und zusammgetragene Sammlung "Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und des Geistes" vor, die im pädagogischen Bereich das 19. Jahrhundert prägen sollte. Die fünfte Auflage erschien 1878.

Schon im erweiterten Titel wird die Grundannahme einer Spielmotivation oder eines Spielzweckes benannt, um die Spiele pädagogisch zu rechtfertigen. Sie bilden die Basis für die von späteren Autoren formulierte Einübungstheorie und die Erholungstheorie.

Johann C. F. GutsMuths Leben und Wirkung

Johann Christoph Friedrich GutsMuths wurde am 9. August 1759 in Quedlinburg am Rande vom Ostharz-Gebirge geboren (heute in Sachsen-Anhalt). Sein Geburtshaus in der Straße Pölle 39 gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, weil er ein Mitbegründer der deutschen Turnbewegung und einer der ersten Reformpädagogen war.

Nach ihm ist der GutsMuths-Platz in Quedlinburg seit 2009 benannt, auf dem auch ein Denkmal für ihn aus dem Jahre 1904 steht, erstellt von dem Berliner Bildhauer Richard Anders.

Schon in jungen Jahren beschäftige sich GutsMuths mit den Fragen der Pädagogik, weil er sich seinen eigenen Schulbesuch in der Rolle als Hauslehrer selbst verdienen musste. Sein Vater starb sehr früh, als er 14 Jahre alt war. Die Werke der Aufklärung von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und Johann Bernhard Basedow (1724-1790) beeinflussten seine sich entwickelnde eigene pädagogische Auffassung.

In Halle an der Saale absolvierte GutsMuths eine Art "Studium generale", wie wir es heute bezeichnen würden. Neben der Theologie, standen Philosophie, Physik, Mathematik, Geschichte und Pädagogik bei Ernst Chirstian Trapp (1745-1818, erster Lehrstuhlinhalber für Pädagogik in Deutschland) auf seinem Vorlesungsplan.

Als Hauslehrer begleitete GutsMuths 1784 seine zwei Schüler der Familie Ritter in die von Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811) neu eröffnete Erziehungsanstalt (Salzmannschule) in Schnepfenthal, einem heutigen Stadtteil von Waltershausen in Thüringen. Dort wurde er vom Schulgründer angestellt und blieb als Lehrer in dieser Schule über 50 Jahre aktiv. Er führte dort in den Lehrbetrieb als festen Bestandteil Leibesübungen (Gymnastik), Turnen und Spiele ein. Neben seiner praktischen Tätigkeit als erster Sportpädagoge, beschrieb und veröffentlichte er seine Konzepte und Ideen. Seine Texte über das Turnen und Spielen erzeugten eine prägnante Wirkung. Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), der sich von GutsMuths 1807 als Lehrer ausbilden ließ, gilt heute als der "Turnvater Jahn". So gesehen, wäre GutsMuths der "Großvater" des Turnens.

Mit seiner Ehefrau Sophie, die der 1797 heiratete, hatte GutsMuths acht Söhne und drei Töchter.

Standardwerk der Spielforschung von 1796

Was motivierte GutsMuths in der Zeit der Aufklärung eine der ersten neuzeitlichen Spielesammlungen zusamemnzutragen und dem Thema Spiel vielleicht mehr Geltung verschaffen zu wollen? Die Antwort formuliert er in seiner "Vorrede des Verfassers":

"Erholung ist dem Menschen, besonders im jugendlichen Alter, durchaus nothwendig. Wenn demnach die Jugend, deren Zahl allein in unserem Vaterlande Millionen beträgt, täglich nur zwei Stunden spielt, so beträgt dies Millionen Stunden menschlicher Existenz. Sollte es dann da einer großen Nation wohl nicht gleichgültig sein, ob ein so beträchtlicher Theil der Zeit, ja was noch mehr sagen will, der Bildungszeit, verloren geht, oder genutzt wird, ob man ihn zum leidigen Zeitvertreibe, oder zur nöthigen Ausbildung der Kräfte, unsittlich, geschmacklos und schädlich oder unschuldig, anständig und nützlich verwendet? Dies ist der ernsthafte Gesichtspunkt, aus dem ich dieses Buch zu betrachten bitte. Wahrlich, ich wollte mit diesen mühsam geschriebenen Tändeleien nicht tändeln!" (s. S. 15)

Das Vorurteil gegenüber dem Spiel, wichtige Lebenszeit zu "vertrödeln", ist bis heute das Stigma, das dieser Tätigkeit angeheftet wird. GutsMuths macht es sehr deutlich, dass die von ihm niedergeschriebenen "Tändeleien" sehr wohl nicht leicht, sondern aus pädagogischer Sicht sehr ernst zu nehmen sind und ihm die Qualität bisheriger Bücher über Spiele nicht ausreicht:

"Seit Tranquillus Suetonius (Sueton, um 70 bis 122 n.Chr.), der ein, für uns verlorenes Buch über Spiele der Griechen schrieb, sind unglaublich viel Bücher über Spiele abgefaßt. Dennoch übergebe ich hier dem Publikum das meinige; aber freilich mit der Ueberzeugung, daß es für den beabsichtigten Gebrauch besser, zweckmäßiger und systematischer sei, als die bisherigen. Alle Bücher über Spiele zerfallen in zwei Klassen; sie sind entweder philosophisch-historisch, wie die schätzbaren kleinen Werke des Meursius (Johannes van Meurs (1579-1639)) , Bulengerus (1558-1628, berühmter Jesuit), Hyde und kommen folglich hier gar nicht in Betracht; oder sie sind in praktischer Hinsicht geschrieben, um in gesellschaftlichen Kreisen darnach zu spielen. Ich kenne davon eine ansehnliche Menge, aber kein einziges, das mit gehöriger Auswahl, nach einem bestimmten Zwecke, für bestimmte Subjekte, mit geläutertem Geschmacke, und durchdachter Schätzung des Werthes jedes einzelnen Spieles, nach einem nur etwas gründlichen Systeme abgefaßt wäre. In pädagogischer Hinsicht aber ist noch gar keine Sammlung von Spielen veranstaltet." (s. S. 15)

Eine Spielesammlung für Eltern und Erzieher

GutsMuths möchte, dass Eltern und Erzieher von jungen Menschen verstehen, welche Spiele für die Jugend wertvoll und hilfreich sind, um deren Entwicklungsprozess sinnvoll unterstützen zu können:

"Dieses Buch enthält deswegen Spiele für die Jugend, aber es ist nicht für die Jugend geschrieben, sondern für die Eltern, Erzieher und Freunde; daher nicht nur Beschreibungen, sondern auch Beurtheilungen der einzelnen Spiele; daher die Blicke namentlich auf das alte Griechenland als historische Erläuterungen und als angenehme Erinnerungen an ein liebenswürdiges Volk; daher die Einleitung, die wie der erste Blick lehrt, nicht für die Jugend bestimmt ist. Damit will ich nicht gesagt haben, daß junge Leute die Spiele dieser Sammlung nicht sollten verstehen und nachspielen können; ich wollte mich nur betsimmt erklären, für wen das Buch geschrieben sei. Spiele sind Blumenbänder, durch welche man die Jugend an sich fesselt; daher übergebe ich sie lieber ihren Erziehern, als unmittelbar ihr selbst." (s. S. 16)

Ausführliche Spielbeschreibungen für die praktische Anwendung

Ziel des Buches ist die praktische Anwendung der aufgeführten Spiele auf Grund der sachkundigen und nach GutsMuths auf Erfahrungen basierenden Bewertungen. Er muss als erklärender Spielpädagoge wohl schon zahlreich die unterschiedlichen Spielkompetenzen seiner Zuhörer wahrgenommen haben. "Erklärbären" haben es nicht immer leicht:

"Von jedem Spiele findet man im vorliegenden Buche eine möglichst genaue und umständliche Beschreibung, die bei den Bewegungsspielen fast ohne alle Ausnahme, bei den Ruhespielen größtentheils auf wirkliche Experimente gegründet ist. Sollte sie Manchem bei diesem und jenem Spiele zu umständlich erscheinen, so bitte ich, zu bedenken, daß man auch auf solche Leser Rücksicht nehmen müsse, die das nicht gleich finden, was sich schon von selbst versteht, und daß der Zweck des Buches, der auf praktische Anwendung geht, umständliche Auseinandersetzung erfordert, weil sich nach allgemeinen Angaben gewöhnlich nichts ausführen läßt. Man wird dessen ungeachtet bei den etwas verwickeltern, namlich bei den Ballspielen, immer noch genug zu thun haben, sie im jugendlichen Kreise bis zu der Geläufigkeit zu bringen, durch welche sie erst in ihrer angenehmen Gestalt völlig hervortreten." (s. S. 16)

"Der Fußball", S. 104, 5. Auflage 1878 (1. Auflage 1796)

 

Beurteilungen der Spiele als Kaufargument für sein Buch

GutsMuths fühlt sich am Ende seiner Vorrede in der Lage, den Kaufpreis des Buches in Bezug auf die Preise für einzelne Spiele zu rechtfertigen und hofft auf die Zufriedenheit seiner Kunden und Leser. So wie jeder Spielerezensent:

"Die Beurtheilungen der einzelnen Spiele sind zwar nicht umständlich, aber doch hinreichend, auf den Gehalt derselben aufmerksamer zu machen, als man bisher wohl gewesen ist. - Alle, etwa drei ausgenommen, welche mir mitgetheilt wurden, sind entweder aus eigener Erfahrung niedergeschrieben, oder aus verschiedenen deutschen und fremden Gegenden, wozu meine Lage sehr günstig war, zusammengetragen, versucht, beschrieben, ergänzt und verbessert. Ich hoffe, man wird damit zufrieden sein - bezahlt man doch einzeln herausgenommen Spiele häufig fast eben so theuer.
Schnepfenthal bei Gotha, 6. April 1796. GutsMuths."


Der Begriff des Spieles bei GutsMuths

In seiner Einleitung zur Spielesammlung verteidigt sich GutsMuths, warum er sein Buch erstellt hat, denn wohl schon damals wurde das Thema des Spielens gesellschaftlich nicht ernst genug genommen. Die Überschrift lautet:

"Ueber den Begriff des Spieles und über den moralischen, politischen und pädagogischen Werth der Spiele; über ihre Wahl, Classifikation und ihre Eigenschaften." (s. S. 17)

Das althochdeuschte Wort "spil" trägt die Bedeutung der Tanzbewegung in sich. Damit stammt der Bergiff des Spiels aus dem Bewegungsspiel, aus dem Spiel mit dem eigenen Körper. Darauf nimmt GutsMuths als erster Sportpädagoge in seiner Einleitung Bezug:

"Als die Langeweile zuerst die Hütten der Menschen besuchte, trat das Vergnügen zugleich herein, bot ihren Bewohnern die Hand und forderte diese Naturkinder zum Tanz auf. So entstanden die natürlichen, unschuldigen Spiele, nämlich die Bewegungsspiele. Die Hütten verwandelten sich in Paläste, auch hier erschien die Langeweile; aber man verbat sich die Bewegung, das Vergnügen verband sich mit dem Mund und präsentierte die Karten." (s. S. 17)

Er bezeichnet die "Langeweile" als Veranlassung zum Spiel, nicht die Neugier, nicht die Spielfreude allgemein und den "Trieb der Thätigkeit als Schöpfer", nicht den Müßiggang:

"Langeweile ist immer nur die Veranlassung zum Spiele; der natürliche Trieb der Thätigkeit ihr Schöpfer. Die Aeußerung dieses Triebes zeigt sich bei den Spielen, nach dem Grade der Kultur und der Verfeinerung der Völker und der einzelnen Menschen, bald körperlich, bald geistig, bald aus beiden gemischt. Daher die verschiedenen Spielgattungen. Bei dem Spiele im strengen Sinne hat der Spieler keinen Zweck, als den der Belustigung an der freien Wirksamkeit seiner Thätigkeit, davon ist hier die Rede nicht; denn wo sind die Spiele der Art, wo blos ästhetische Größen, nämlich Form und Gestalt das Materiale derselben machten? Ich kenne nur ein Spiel, das hierher zu gehören scheint, nämlich das sogenannte Parquet. Es ist nun einmal gewöhnlich, alle, wenn auch spielende Beschäftigung mit Formen und Gestalten nicht Spiel zu nennen. Bei dem Spiele im gewöhnlichen Sinne ist der nächste Zweck Belustigung, der entferntere Erholung oder Schutz gegen Langeweile." (s. S. 17)



Spielwissenschaftliche Definition für Spiele

Spielwissenschaftlich formuliert GutsMuths seine Definition und Theorie für Spiele 1796:

"Spiele sind also Belustigungen zur Erholung, geschöpft aus der Wirksamkeit und verabredeten Form unserer Thätigkeit."  (s. S. 18)

Weiter führt er in Bezug auf Glücksspiele (Hasardspiele) aus: "Auf Hasardspiele paßt diese Definition nicht; sie sind die Kette, an welcher der Zufall den Spieler nach Belieben an der Nase herumführt, indem er ihn mit der Geißel der Affekte bald streichelt, bald züchtigt." (s. S. 18)

Aus seiner Sicht gehört somit zu einem guten Spiel die Freiheit des Menschen, miit seiner Spieltätigkeit, seinen individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten den Spielverlauf aktiv beeinflussen und unter Kontrolle bringen zu können oder zumindest, den Zufallsfaktor so stark reduziert zu sehen, dass der Spieler nicht "an der Nase" herumgeführt werden kann. Die Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit des spielenden Menschen sind für ihn wesentliche Elemente.

"Nach dem Obigen läßt sich der moralische Werth der Spiele an sich selbst im Allgemeinen nun leicht bestimmen. Er richtet sich nach der Natur des Affektes, der zur Spannung unserer Thätigkeit hineingezogen wird. Je unschuldiger dieser ist, desto unschuldiger ist das Spiel. Sein Werth ist daher so verschieden, als die Natur der Ehrliebe, der physischen Liebe, der Habsucht. Er richtet sich auch nach dem Grade des Affektes; denn jede Steigerung macht ihn nicht nur bedeutender, sondern mindert auch die Freiheit unserer Thätigkeit das Spiel würde aber am unschuldigsten sein, wenn diese ganz frei dabei bliebe und durch gar keinen Affekt rege erhalten würde. Endlich richtet er sich nach dem Grade der Herrschaft, welche dem Zufall bei dem Spiele zugestanden wird; geht diese so weit, als es nöthig ist zur mäßigen Spannung der Erwartung und der Thätigkeit, so wird das Spiel mehr Werth haben; verschwindet aber diese völlig daraus, bewegt sie nur höchstens noch die Fingerspitzen zum Umschlagen der Karte, zum Hinrollen der Würfel, überlassen wir uns blos dem Zufalle, der uns durch unsere eigenen Affekte geißelt und das Spiel dadurch pikant wie Brennnessel macht, so entstehen die Hasardspiele, die schlechtesten von allen unmoralischen." (s. S. 18 und 19)

Brett- und Kartenspiele wurden im 18. Jahrhundert zumeist als einfache Glücksspiele mit Sach- oder Geldeinsetzen gespielt (s. z.B. "Gänsespiel"), deshalb kommen diese Spiele bei GutsMuths Definition wohl "moralisch" sinnvoller Spiele so schlecht weg.

Kulturgut Spiel - Die kulturelle und natürliche Dimension des Spiels bei GutsMuths

Spiele erscheinen auf den ersten Blick nicht notwendig, sie könnten ein Zeitverteib gegen die Langeweile sein. Auch wenn GutsMuths immer wieder auf diesen Effekt hinweist, so eröffent er für die Spielwissenschaft mit seinem globalen, historischen und generationsübergreifenden Blick auf das Phänomen Spiel ein weites Feld:

"Spiele sind wichtige Kleinigkeiten; denn sie sind zu allen Zeiten, unter allen Völkern, bei Jung und Alt Bedürfnisse gewesen: weil Freude und Vergnügen zur Erholung von Arbeit, leider auch wohl zum Schutze gegen Langeweile, ebensogut Bedürfnisse sind, als Befriedigung der Verdauungs- und Denkkraft. Spiele sind daher über den ganzen Erdkreis verbreitet; Alles spielt, der Mensch und sein Kind nicht nur, sondern auch das Thier und sein Junges, der Fisch im Wasser, der Hund, das Pferd, der Löwe und ihre Jungen spielen." (s. S. 19)

Mit seinem Hinweis auf die spielende Tierwelt setzt GutsMuths für die kommende Spielforschung im 19. und 20. Jahrhundert entscheidende Impulse, die z.B. von Karl Groos 1896 (2. Aufl. 1907, 3. Aufl. 1930) und Frederik J. J. Buytendijk 1933 in ihren Untersuchungen aufgenommen wurden.

Zu spielen ist kein Kinderkram. GutsMuths holt sich bei dem Dichter der Aufklärung, Christoph Martin Wieland (1733-1813) argumentative Unterstützung bei der These, dass das Spielen für Jung und Alt Sinn macht:

"Spielen ist die erste und einzige Beschäftigung unserer Kindheit und bleibt uns die angenehmste unser Leben hindurch. Arbeiten wie ein Lastvieh ist das traurigste Loos der niedrigsten, unglücklichsten und zahlreichsten Klasse der Sterblichen, aber es ist den Absichten und Wünschen der Natur zuwider. - Die schönsten Künste der Musen sind Spiele und ohne die keuschen Grazien stellen auch die Götter, wie Pindar singt, weder Feste noch Tänze an. Nehmt vom Leben hinweg, was erzwungener Dienst der eisernen Nothwendigkeit ist; was ist in allem übrigen nicht Spiel? Die Künstler spielen mit der Natur, die Dichter mit ihrer Einbildungskraft, die Philosophen mit Ideen." (s. S. 19)

GutsMuths zeigt mit dem Zitat von Wieland seine Überzeugung, dass der Mensch für seine gesunde Entwicklung die "Uebung und Erholung" für Geist und Körper benötigt (s. Untertitel seines Werkes). Wieland selbst führte weiter aus:

„Der Mensch ist nur dann an Leib und Seele gesund, frisch, munter und kräftig, fühlt sich nur dann glücklich im Genuß seines Daseyns, wenn ihm alle seine Verrichtungen, geistige und körperliche, zum Spiel werden. Die schönsten Künste der Musen sind Spiele.“ (aus Wielands "Der Geist und die Geschichte des Schach-Spiels" von 1798, S. 128)

Wurde hier der "Gamification-Trend" des 21. Jahrhunderts schon im 18. Jahrhundert vorausgedacht? ;-) Der Fluch der Arbeit ist seit dem Rauswurf aus dem Paradies (s. Mythos der zweiten Schöpfungsgeschichte in der Bibel) durch Innovationen sowie Maschinen, die die menschliche Arbeitskraft ersetzen, versucht abzumildern.

Persönlichkeitsentwicklung und Charakter eines Volkes

Aus der Überzeugung heraus, wie grundlegend uns Menschen Spiele prägen und damit auch die Kultur eines Volkes und wie unethisch anscheinend das Glücksspiel sei, zeigt GutsMuths die Spannweite des Grundphänomens Spiel bis zum kriegerischen Spiel auf.

"An den Bedürfnissen, oft schon an einem einzigen, erkennt man den Charakter des einzelnen Mannes, so wie oft ganzer Nationen. Ebenso läßt sich aus den Spielen auf den Charakter eines Volkes schließen. Sie sind ein sehr sicherer Probierstein, auf welchem sich, die bei dem Silber, der Grad der Rohheit und Verfeinerung eines Volkes ziemlich unzweideutig erkennen läßt. Rohe Nationen lieben in allen Zeiten und Weltgegenden die Spiele des Krieges und des Zufalls (Hasardspiele), deren Abwechselung von dem Bedürfnisse der Bewegung und Ruhe des Körpers geleitet wird. Die kriegerischen Spiele unserer älteren Vorfahren, sowie ihr rasender Hang zu Glücksspielen, sind bekannt. Vom Gebrauche der Waffen gegen Menschen oder Thiere ermüdet, kehrte man zu Hütte zurück und verschlief die lästige Zeit, oder verspielte sie, wie Habe, Gut und Freiheit mit Würfeln. Durch Ruhe wieder gestärkt, griff man, wenn Noth, Magen oder Thätigkeitstrieb es geboten, wieder zu den Waffen, zum Jagdgewehr, oder begann kriegerische Spiele. Würfel und Waffen waren die Lieblingsspiele der Hunnen, man kannte fast keine Gesetze, als die des Hasardspieles. Ganz germanisch lebte man in dem nordamerikanischen Germanien bei den Delawaren und Irokesen: Krieg oder Jagd, Essen oder Schlafen, Hasardspiele oder kriegerische Spiele. Auch hier ist die Spielsucht unersättlich. ... Volkscharakter und Volksspiele stehen in sehr naher Verbindung mit einander. Dem Geschichtsforscher, welchem es nicht blos darauf ankommt, Regenten-, sondern vielmehr Volksbiographien zu bearbeiten, sollten daher diese verrätherischen Kleinigkeiten nicht entwischen." (s. S. 20-21)

Der Rückschluss von GutsMuths liegt nahe, dass eine Nation das Spiel als Methode, als Erziehungsmittel, gezielt einsetzen sollte.

"Ich habe gesagt, Spiele seien wichtige Kleinigkeiten; denn wenn man von der einen Seite aus den Spielen auf den sittlichen und politischen Zustand einer Nation schließen kann, so darf man von einer anderen Seite aus jener genauen Verbindung den Schluß machen, daß die Spiele auf den Charakter merklichen Einfluß haben werden, daß sie daher zu den Erziehungsmitteln ganzer Nationen gehören. Es liegt freilich in der Natur der Sache, daß sie oft nach dem schon stattfindenden Charakter erst gewählt werden, daß dieser also schon eher da ist, als jene. Dann werden sie ihn wenigstens immer mehr befestigen und ausbilden helfen. Allein es ist dessen ungeachtet nicht zu leugnen, daß sie oft vor diesem und jenem Zuge des Charakters da waren und ihn mit hervorbringen halfen. Es bedarf hierzu oft nur des sehr zufälligen Beispieles irgend eines Angesehenen. Ginge irgend ein König, von Regierungssorgen ermattet, aus dem Kabinete gewöhnlich auf den Schloßhof und spielte da Ballon oder Ball, so würden in seiner Residenz der Ballon und Ball die Karten verdrängen. Die Provinzialstädte würden bald nachfolgen, und beide Spiele würden einen ganz merklichen Einfluß auf den Charakter und den Gesundheitszustand des Volkes haben, wenn zumal der Kronprinz nicht verweichlicht würde und da fortführe, wo sein Vater aufhörte." (s. S. 21-22)



Vorbilder prägen das Spielverhalten, Spiele verfügen über einen Aufforderungsimpuls, mitzumachen, Gemeinschaft zu organisieren. Spiele sind der Anlass zusammenzukommen, soziale Systeme zu entwickeln und zu pflegen. Bei GutsMuths kommen jedoch die Kartenspiele gar nicht gut an, weil sie damals all zu oft mit dem Aspekt des Geldeinsatzes, des reinen Glücksspiels verbunden waren. Er datiert das Unglück mit den Glücksspielen auf das Ende des 14. Jahrhunderts mit seinen Kenntnisse über den König Karl VI. von Frankreich (der Vielgeliebt, der Wahnsinnige, 1368-1422).

"Am Ende des vierzehnten Jahrhunderts erfand man das Kartenspiel und führte es zur Unterhaltung des fast 30 Jahre land verrückten Königs Karl VI. bei Hofe ein. Die Folgen dieses kleinscheinenden Umstandes sind schlechterdings nicht zu berechnen. Ganz Europa hat sie gefühlt und fühlt sie noch; ja sie nagen in gewisser Rücksicht an den Wurzeln künftiger Generationen. Die Hofluft blies die Karten nach und nach über ganz Frankreich, über Spanien, Italien, über ganz Europa! Die Karten waren es, welche nach und nach die besseren Uebungsspiele verdrängten und die Verweichlichung der Nationen, besonders der vornehmeren Klassen, befördern halfen." (s. S. 22)

Spiele zur Bildung eines Volkscharakters

GutsMuths sah in seinen Ideen zur Leibesertüchtigung, der Bewegungsspiele als Erziehungsmittel, keine absolute Neuerung. Er verwies auf historische Parallelen:

"Regenten, Gesetzgeber, Philosophen, die den wichtigen Einfluß der Ergötzlichkeiten auf den Volkscharakter und auf das Wohl und Weh der Nation einsahen, hielten von jeher die Spiele ihrer Aufmerksamkeit sehr werth; Lykurg (mythischer Gesetzgeber in Sparta) ordnete Leibesübungen, Gesellschaften und Tänze der Spartaner; Plato die der Bewohner seiner Republik; Kaiser Justinian hob die Hasardspiele auf und setze Bewegungsspiele an ihre Stelle (Sie waren das Springen, das Stockspringen, der Wurfspieß, doch ohne Spitze, das Wettrennen zu Pferde und das Ringen.) Karl der Große und Ludwig der Heilige gaben Spielgesetze; Karl V. von Frankreich verbot alle Hasardspiele und empfahl reine Bewegungsspiele und Uebungen (1369); Peter der Große nahm sich der Volksbelustigungen an, um sein Volk geselliger zu machen u.s.w., kurz, man könnte solchen Befehlen einen guten Quartanten (franz. Maß für Flüssigkeiten, Vierteltonne, ca. 67 Liter) anfüllen und wenn man auch die unendliche Menge, die von Concilien und Synoden gegeben wurden, überginge. ... Geh' in Städte, in Gesellschaften, in Familien, wo der Geist der Glücks- und der Kartenspiele herrschend ist, und untersuche die dortige Denkart, sowie den wirtschaftlichen und körperlichen Zustand; der Satz: an den Spielen sollst du sie erkennen, wird sich bewährt finden. ...  Vom Lotto will ich nichts erzählen, dies sei die Sache der Pfänder und Leihhäuser. Schade, ewig Schade, daß meine Spiele nie Finanzsache werden können! ... Doch genug - hier nur Winke; die Materie, betreffend den sittlichen und politischen Werth der Spiele, erschöpft kaum ein ganzes Buch." (s. S. 23)


Ball- und Bewegungsspiele als Erziehungsmittel für die Jugend

Nach GutsMuths wirken sich die Spiele der Jugend merklich auf eine ganze Nation aus. So fühlte er sich berufen, die Jugend, fokussiert auf die zu erziehenden Knaben, von Karten- und Würfelspielen abzubringen und sie mit Ball- und Bewegungsspielen körperlich zu ertüchtigen. Dafür entwicklete er Vorschläge für "Leibesübungen" ("Gymnastik für die Jugend", 1793), die er in einem separaten Buch veröffentlichte und er ließ an der "Hardt" (heute Naturschutzgebiet in Waltershausen in der Nähe von Gotha in Thüringen) einen ersten Turnplatz für die körperliche Bildung einrichten.

"Können die Spiele auf ganze Nationen wirken und in ihrem Zustande eine merkliche Veränderung hervorbringen, so sind sie auch ein Erziehungsmittel für die Jugend, und ich getraue mir aus zwei Knaben von völlig gleichen Anlagen durch entgegengesetzte Behandlung bei dem Spielen zwei, in Rücksicht ihres körperlichen und gesitigen Zustandes, ganz verschiedene Geschöpfe zu machen. Oder läßt sich's denn von vornher so schwer einsehen, daß der Knabe, den man zehn Jahre hindurch in vernüftiger Abwechselung zwischen geistigem Ernste und körperlichem Scherze, ich meine zwischen geistiger Ausbildung und gesunden körperlichen Uebungen und Spielen erhält, daß ein solcher Knabe weit besser gedeihen müsse, als wenn man ihn bei derselben Bildung seines Geistes in Karten und Würfeln Erholung finden läßt? So lange man mir nicht das Gegenteil darthun kann, halte ich diese Tändeleien für Sachen von pädagogischer Wichtigkeit." (s. S. 24)

Spiele haben immer ihre Zeit, sie sind Spiegelbild ihrer Zeit, ein Medium durch das der Spieler mit seinen Mitmenschen und seiner Umwelt in einen spielerischen, passenden Dialog tritt. Spiele sind Kommunikation und Austausch. Gleichzeitig versuchen einige gut meinenden Akteuer ihrer Zeit, zumeist Pädagogen, die immer überwältigende Vielzahl an Spielen zu sichten, zu sortieren und zu bewerten.

Aufgrund von bewaffneten Amokläufen in Schulen wurde von Pädagogen und Politikern eine Debatte um "Killerspiele" am Computer in den Anfang 2000ern Jahren heftigst geführt, die an der Realität der spielenden Jugendlichen komplett vorbei ging und die dazu die durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen ignorierte. Ebenso irrational wie manche Pädagogen reagierte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit einem Rechtsgutachten, als 2019 diskutiert wurde, ob eSport als Sport einzustufen sei (s. 28.08.2019, Presse). Spiele und ihre Spielformen ändern sich kontinuierlich, wobei sehr viele Spielmechaniken und Konzepte über Jahrhunderte gleich bleiben, aber die Kritik an bestimmten Spielformen je nach Zeitgeist und Mode variiert.

Beim Völkerball oder Schlagball treten zwei Mannschaften gegeneinander an, um sich gegenseitig zu dezimieren. Die Spieler werden mit einem Ball "abgeschossen". Der geschickteste Spieler überlebt, der den Ball (das Geschoss) gut fangen, treffen und ausweichen kann. In der digitalen Welt heißt dieses Spielprinzip "Battle-Royal" und die Spiele z.B. PlayerUnknown's Battlegrounds (PUBG) oder Fortnite. In Pädagogenkreisen werden diese Spiele gern abwertend als "Ballerspiele" beschrieben. Nur was ist dann "Völkerball" im Sportunterricht?

 

Zur Notwendigkeit der Spiele und ihrem pädagogischen Nutzen

GutsMuths führt als einer der ersten Pädagogen neun aus seiner Sicht eindeutige Argumente und Belege an, warum eine "Nothwendigkeit der Spiele" und ein entsprechender "pädagogischer Nutzen" besteht.

1. Bewegungsspiele zur Erholung

"Wenn das größte Geheimnis der Erziehung darin besteht, daß die Uebung des Geistes und des Körpers sich gegenseitig zur Erholung dienen, so sind Spiele, besonders Bewegungsspiele, so wie Leibesübungen überhaupt, unentbehrliche Sachen. Stände dieser Satz auch nicht in Rousseau's Emil(pädagogisches Hauptwerk von Jean-Jacques Rousseau, 1762), so würde ihn ja schon jeder Schulknabe verkündigen, wenn er nach der Lektion die Bücher wegwirft. Dergleichen allgemein von der Jugend geäußerte Triebe beweisen so scharf, als der schärfste Vernunftschluß. Allein es giebt dessenungeachtet Leute, die auf obigen Satz durchaus nicht Rücksicht nehmen. ... Ich bin selbst herzlich davon überzeugt, glaube aber, daß es für Jung und Alt kein ernsteres Studium nach der Geistesbildung geben könne, als das, was auf Gesundheit, Ausbildung des Körpers und Heiterkeit des Geistes hinzielt; weil ohne diese die Geistesbildung wenig nützt, sondern als ein totes Kapital da liegt, an dem der Rost nagt." (s. S. 24)

Geist und Körper bedingen sich, nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder Geist wohnen. Dies ist die Überzeugung vom Großvater des Turnen und des Sports. Damals konnte er noch nicht ahnen, dass es neben einem gesundheitsförderlichen, gemeinnützigen Breitensport, den er sich wünschte, in der kommenden Gesellschaftsform professionelle Berufe in einem Sportbereich geben wird, die sehr leistungsorientiert und medial finanziert sind, somit nicht allein "Bewegungsspiele" der Erholung dienen.

Zweifler rund um das Thema des Spielens, selbst für gemeinnützige Bewegungsspiele, muss es wohl im 18. Jahrhundert ebenso gegeben haben, wie heute, denn GutsMuths holt weit aus, um seine Meinung zu vertreten:

"Kurz, man bezweifle erst streng und redlich, daß die Bildung des Körpers eine Posse sei, die für nichts werth ist; daß unser Geist des Körpers nicht bedürfe; daß dieser unsere Thätigkeit, auf unseren Charakter und auf Belebung oder Erstickung des göttlichen Funkens in uns gar keinen Einfluss habe, - wenn man das gethan, die Forderung der Natur, der größten Aezte und der denkendsten Männer widerlegt haben wird, dann will ich schweigen und einsehen, daß ich Thorheit gepredigt; dann will ich gern behaupten, daß man die Zeit zur Erholung wohl edler als zu Spielen und Leibesübungen verwenden könne. - Sollten aber die Lehrer und Erzieher einen Skandal darin finden, mit der Jugend zu spielen, so verweise ich sie auf Heraklit, der am Dianentempel zu Ephesus die Knabenspiele als Mitspieler ordnete; auf Sokrates, wie er mit der Jugend spielte, auf Scävola, Julius Cäsar und Octavius, die Ball spielten, auf Cosmus von Medicis, der seinem kleinen Enkel auf öffentlichem Platze die Pfeife verbesserte, auf Gustav Adolf, der mit seinen Offizieren Blindekuh und trefflich Ball spielte; Newton blies Seifenblasen, Leibnitz spielte mit dem Grillenspiele und Wallis beschäftigte sich mit dem Nürnberger Tand. Nur durch eine unbegreifliche Folgefalschheit ist es möglich, das Billiard, die Kegelbahn und die Karten in öffentlichen Häusern für wohlanständig, öffentliches Spielen mit Kindern für unanständig zu halten." (s. S. 25)

 

2. Nützliche Alternative zur Langeweile

Der Ernst des Lebens und die Gedankenspiele darum, mit den Luftschlössern und Sorgen, mit den Erinnerungen an die Geschichte und den Planungen für die Zukunft, ist in der Gedankenwelt der Jugendlichen noch nicht angekommen. Diese geschäftigen Gedanken füllen anscheinend erwachsene Menschen nach GutsMuths täglich aus, aber eben nicht Jugendliche. Diese sind für die "Krankheit" Langeweile anfälliger als Erwachsene, deshalb ist diesen jungen Menschen ein sinnvolles Angebot zu unterbreiten:

"Langeweile ist eins der drückendsten Uebel; sie machte, wie manche Krankheit, aus dem Patienten ein unleidliches Geschöpf. Die Jugend, welche in der Vergangenheit noch wenig Stoff zu Unterhaltung findet, in die Zukunft wenig oder gar nicht hinaus blickt, sondern fast immer nur für den gegenwärtigen Augenblick empfindet, denkt und handelt, leidet auch öfter und gewöhnlicher an dieser Krankheit, als der gebildete Mann. Die Vergangenheit und Zukunft nehmen diesen in die Mitte und machen Gesellschaft mit ihm, und wenn jene ihn mit Leiden und Freuden und ihren Ursachen unterhalten hat, so giebt ihm diese Stoff zu Berechnungen, Planen, Luftschlössern und Sorgen, bis die unverdrängliche Gegenwart das Wort nimmt und befehlsweise von dem spricht, was jetzt zu lassen und zu thun sei. So fehlen der Jugend zwei Gesellschafter, denen an Unterhaltung nichts gleich kommt. Wer anders soll sie ersetzen, als ihre erwachsenen Freunde? Von ihnen erwartet sie Stoff zur Thätigkeit, bald durch ernste Beschäftigung, bald durch Spiel." (s. S. 25-26)



3. Spiele trainieren gesellschaftliche Rollen

GutsMuths sieht das Spielen auch als Vorbereitung, Training für die künftigen Rollen in der Gesellschaft:

"Arbeiten, ernste Beschäftigungen und Umgang mit Erwachsenen sind künstliche Rollen *) der Jugend, in welchen sie auf dem großen Schauplatze debutirt; Spiele sind natürliche Rollen derselben in ihrem jugendlichen Paradiese. Dort erscheint sie im verstellenden Bühnengewande, hier in klarer Nackheit; daher ist es dort oft schwer, hier immer leicht, ihren wahren Charakter zu erkennen. Selbst die Neigung zur künstlichen Lebensart scheint hier und dort bei dem Spiele durch. ... *) F. W. Klumpp, der Oberstudienrath aus Stuttgart, der die 4. Auflage 1845 überarbeitet hat, kommentiert an dieser Stelle GutsMuths: "GutsMuths hat hier das erste, natürlichste und wichtigste aller Verhältnisse, das der Kinder zu den Eltern offenbar übersehen. So lange dieses auf dem allein wahren Boden der gegenseitigen Liebe ruht, spielen die Kinder im Umgang mit den Eltern, und dies sind die wichtigsten Rollen der Erwachsenen, mit denen sie in Verkehr kommen, keine künstlichen, sondern vielmehr die natürlichsten aller Rollen, die es überhaupt giebt. F.W.K." (s. S. 26)



4. Spiele als Mittel gegen die lähmende Gleichgültigkeit

Erzieher, Lehrer, Pädagogen oder auch Professoren  haben Curricula, Inhalte, Themen, die sie mit entsprechenden Lernzielen zu vermitteln haben, am Ende einer Lerneinheit bei den Schülern und Teilnehmern abzuprüfen und zumeist zu benoten. Dieser Mechanismus kann zu einem Desinteresse am Inhalt führen. Nicht die intrinsische, sondern die extrinsische Motivation steht im Vordergrund und kann den Lerneifer stark behindern. Das erkannte auch schon GutsMuths, der sehr drastisch seine Enttäuschungen in Worte fasst und schlägt Spiele zur Auflockerung und zum Wecken der Motivation bei den Schülern vor:

"Gleichgültigkeit gegen alles Wissenschaftliche ist dem Erzieher in seinem Zöglinge ein Fehler, der alle seine Geduld auf die Probe stellt. Er arbeitet an einem Bäumchen, das weder Blüte noch Frucht verspricht; er sieht am Ende keine Folge von dem, was er gethan hat; seine Gehülfin, die natürliche Wißbegierde der Jugend, ist abwesend. Er verliert bald alle Hoffnung, weil er den Grund dieser Gleichgültigkeit im Temperamente des Kindes zu finden glaubt. Er lasse es spielen; ist es hierbei theilnehmend, eifrig und thätig, so liegt die Schuld der Gleichgültigkeit nicht im Kinde, sondern in einer Veranlassung von Außen her. Aber auch selbst dann, wenn es von der Natur Opium erhielte, müßte sich, dächte ich, durch Spiele, besonders Bewegungsspiele, viel ausrichten lassen." (s. S. 26)



5. Spiele zur Stärkung des Selbstwertes in der Pubertät

In dem "Verkehr der Jugend unter sich selbst" kann es schon sehr rau und direkt zugehen. Gerade innerhalb des Selbstfndungsprozesses und der Persönlichkeitsentwicklung der Pubertät können Spannungen und Stimmungen entstehen, die aus Erziehersicht nicht positiv sind. Blumig beschreibt GutsMuths das Problem und den Nutzen, den Spiele in solchen Situationen haben:

"Der freie Verkehr der Jugend unter sich selbst und zwar vorzugsweise bei dem Spiele ist ein treffliches Mittel, jene unglückliche reizbare Empfindlichkeit zu überwinden, welche, aus einer krankhaften, bald körperlichen, bald gemüthlichen Disposition entspringend, den damit Geplagten im Verkehre mit Anderen ebenso viel Anstoß nehmen als geben läßt, welche aber am schmerzlichsten und drückendsten immer auf ihn selbst zurückwirft, und nicht selten nicht nur sein Verhältnis nach Außen, sondern auch seine innere Ruhe völlig untergräbt. Im raschen, bewegten Gange des Spieles hat der Knabe keine Zeit, über kleine, oft nur vermeintliche Kränkung nachzudenken; die spannende, freudige Theilnahme an der Sache reißt ihn mit sich fort, und bis er Zeit gewinnt, sich darüber zu besinnen, hat er es in der heiteren, kräftig frischen Stimmung, welche das Spiel immer erzeugt, entweder bereits vergessen, oder wenigstens völlig verschmerzt. So gewinnt er aus dem rechten tüchtigen Knabenspiele nicht blos die wichtige Erstarkung und Abhärtung des Körpers, sondern auch die oft noch wichtigere des Gemüthes, und gewinnt sie ohne irgend eine Einbuße an wahrem Ehrgefühl, weil dieses nicht leicht einen natürlichen und sicheren Schutz findet und eine gesundere, tüchtigere Richtung gewinnt, als in dem freien, naturgemäßen und nur vor sittlichen Verirrungen bewahrten Verkehre der Jugend unter sich." (s. S. 26-27)



6. Spiele für die Beziehungsebene: Freundschaft und Offenherzigkeit

Altersunterschiede oder auch Standesunterschiede lassen sich über die Spiele überbrücken. Durch das Spiel kommen Menschen einander nah, erleben gemeinsam Emotionen, die Vertrauen und eine soziale Bindung herstellen, es entsteht eine Beziehungsebene, die zu einer gegenseitigen Wertschätzung führt. GutsMuths hat als Pädagoge erkannt, dass die Ehrfurcht der Schüler vor dem Lehrer nicht als Basis in einer Lernsituation ausreicht:

"Um die Herzen der Kinder zu gewinnen, spiele man mit ihnen; der immer ernste, ermahnende Ton kann wohl Hochachtung und Ehrfurcht erwecken, aber nicht so leicht das Herz für natürliche, unbefangene Freundschaft und Offenherzigkeit aufschließen. Am offensten ist man immer nur gegen seines Gleichen; die eigenthümliche Gesinnung der älteren und der höheren Klasse macht und zurückhaltender, darum gesellt sich Gleich so gern zu Gleichem. Durch Spiele nähert sich der Erzieher der Jugend, sie öffnet ihm ihr Herz so mehr, je näher er kommt, sie handelt freier, wenn sie in ihm den Gespielen erblickt, und er findet Gelegenheit zu Erinnerungen, die bei dem Studiren nicht veranlaßt werden würden. Ueberdem aber sind Erinnerungen um so fruchtbringender, je gleicher an Alter und Stande der uns ist, welcher sie giebt. Wir hören dann die in ihm die Stimme unserer eigenen ganzen Klasse. Darum bessert die Ermahnung, die ein Zögling den anderen im Stillen und im Bunde der Freundschaft und Gleichheit giebt, gewöhnlich mehr, als die des Lehrers; im Munde des letzteren klinkt sie zu erwachsen, zu alt, in dem des anderen eben jung genug, um befolgt zu werden." (s. S. 27)



7. Spiele bilden das Leben im Kleinen ab und prägen den Charakter des Menschen

GutsMuths hat die Funktion des Spielens "als-ob", seine Simulationskraft in der Sphäre des Unernsten und des Ausprobierens besonders für Jugendliche entdeckt und empfohlen:

"Spiele bilden auf die mannigfaltigste Art den Gang des menschlichen Lebens mit einer Lebhaftigkeit im Kleinen nach, die sich auf keinem anderen Wege, durch keine andere Beschäftigung und Lage der Jugend erreichen läßt. Denn nirgends ist die Jugend in ihren Handlungen, in ihrem ganzen Betragen so wenig von Seiten der Erwachsenen beschränkt, nirgends handelt sie daher natürlicher, freier und dem Gange des menschlichen Lebens gleichlaufender, als hier. Hier ist eine kleine Beleidigung, Uebereilung, Unbilligkeit, Prahlerei, Ueberlistung, die Fehlschlagung einer Hoffnung, ein unangenehmer Charakter, ein langsamer Kopf, ein Pinsel, ein Geck, eine Ueberlegenheit an Geistes- und Körperkräften zu ertragen; hier ist Anlaß zum Schmerz und Kummer, sowie zur Freude und Fröhlichkeit; hier ist Gelegenheit zur Schätzung der Gefälligkeit, Geschicklichkeit, Güte u.s.w. im Nebenmenschen. Der junge Mensch wird abgerieben, wie ein Kiesel im Bach; immer besser geschieht es früher als spät, nur sei der Strom nicht ganz verdorben und modrig. Eltern, die ihr Eure Kinder eiländlich im kleinen häuslichen Kreise erzieht und sie von der übrigen Kinderwelt zurückhaltet, Eure Meinung ist gut, aber Euer Erziehungsplan gewiß sehr übel berechnet; Ihr seid in Gefahr, eigensinnige, unduldsame, unerfahrene und zu empfindliche Nachkömmlinge zur haben!" (s. S. 28)



8. Spielen ist Lebensfreude und Freude ist förderlich und gesund

Die Wirkung einer ausgelassenen Spiel- und Lebensfreude ist GutsMuths bei seinen praktischen Übungungen mit den Jugendlichen nicht entgangen:

"Spiele verbreiten im jugendlichen Kreise Heiterkeit und Freude, Lust und Frohsinn. Wären alle Menschen stets lustig und vergnügt, sicher würde nicht so viel Böses geschehen. Mürrische Laune ist nicht die Stifterin des Guten und Angenehmen; ja schon ein stets ernsthafter Charakter ist weniger moralisch vollkommen, als der aus Ernst und Scherz lieblich gemischte, bei gleicher Herzensreinigkeit. Die Anlage von allen dreien wird angeboren, aber die Ausbildung liegt in Erziehung und in erziehenden Umständen. Immer bleibt es doch rathsam, die Jugend in einem heiteren, fröhlichen Tone zu erhalten und selbst Spiele zur Beförderung desselben in die Erziehung aufzunehmen. Je mehr die Jugend, jedoch von eigentlichem Leichtsinne entfernt, scherzt und lacht, je mehr man ihr Platz läßt, sich in ihrer natürlichen, liebenswürdigen Offenheit zu zeigen, um so mehr entfernt man sie von stiller trauriger Verschlossenheit, die nirgends angenehm ist, weil sie selbst bie der reinsten Sittlichkeit Mißtrauen einflößt; kurz, um desto besser gedeiht sie an Leib und Seele. 'Je mehr sie zum Lachen reizen', sagte Basedow von den Spielen, 'desto zweckmäßiger sind sie.'" (s. S. 28)



9. Bewegungsspiele erhalten die körperliche Gesundheit

Mit GutMuths entstand die politische Überzeugung, dass Gymnastik, Leibesübungen und dann der Sport zum üblichen, öffentlichen Unterricht in der Schule gehören muss:

"Spiele sind nöthig zur Erhaltung der Gesundheit, zur Stärkung, Uebung, Abhärtung des jugendlichen Körpers. Daß hier weder von Karten noch Würfeln und Hasardspielen die Rede sei, sondern einzig von Bewegungsspielen im Freien, versteht sich von selbst. Ich habe sehr vielfältig und lange Gelegenheit gehabt, den Einfluß dieser Spiele, sowie der Leibesübungen überhaupt, auf manchen Verweichlichten, Furchtsamen, körperlich Bequemen, Unthätigen und Ungeschickten zu beobachten und ihn immer vortrefflich gefunden. Da ich hierüber schon Vieles in meinem Buche über die Leibesübungen ("Gymnastik für die Jugend", 1793) gesagt habe, so fällt hier alle weitere Auseinandersetzung weg." (s. S. 29)



Spiele können auch Nachteile haben

Überfluss und Flatterhaftigkeit

Als Pädagoge ist GutsMuths der Überzeugung, dass Spiele der Jugend Nutzen stiften, aber er ist reflektiert genug, um auch die möglichen Gefahren, Risiken und die damit verbundenen Nachteile wahrzunehmen. Wie alles Gute, was zu viel genossen wird, vom Sonnenbrand, über den Wein bis hin zu den Süßigkeiten, so benötigt das Spiel seine Verhältnismäßigkeit. So fügt GutsMuths nach seiner Aufzählung des Nutzens folgende Worte an:

"Dies sei genug über den Nutzen der Spiele. Sie haben auch ihre Nachtheile, das ist nicht ganz zu leugnen. Plato meint, es sei nichts schädlicher, als den Kindern vielerlei Spiele zu geben, weil sie dadurch flatterhaft, zum Ueberdrusse und zur Begierde nach Neuerungen gewöhnt werden. Er scheint von Spielzeugen zu sprechen. Dann ist nichts wahrer. **) Auch Locke erklärt sich ganz dagegenin seinem 19ten Abschnitt, und zwar so vortrefflich, daß ich solche Eltern bitte, diese Stelle zu beherzigen, welche ihre Kleinen aus Liebe mit allerlei Spielsachen gleichsam überschütten. Solche Sachen sollten sich die Kinder selbst machen." (s. S. 29)

Spielzeug zu kaufen, es als Handelsware käuflich für die Kinder zu erwerben, droht nach dem britischen Philosophen John Locke (1632-1704) die notwenige kreative Entwicklung der Kinder zu verhindern. Er konnte sich nicht vorstellen, dass komplexere Gesellschaften auch komplexere Spielmittel benötigen. Jedoch mag der Aspekt der Spielzeugmenge, mit der phantasievoll innerhalb eines Kinderzimmers umgegangen wird, schon relevant sein. Besonders innerhalb der westlich orientierten Wohlstandsgesellschaft. In einer britischen Studie aus dem Jahre 2010 horten 10-jährige Kinder in ihrem Kinderzimmer durchschnittlich 238 Spielzeuge im Wert von £7.000 und spielen aber nur regelmäßig mit einem Wert in Höhe von £330. Diese Studie hat der SPIEGEL 2019 zum Anlass genommen, erneut über das Phänomen zu berichten, s. Ludologie, Presse, Ostern 2019.

"Es ist jedoch nicht nöthig, nach Griechenland zu gehen; ich habe selbst Gelegenheit genug gehabt, den Einfluss der Spiele auf eine Kindergesellschaft zu beobachten, die groß genug ist, um ihn zu verrathen; denn eben durch die Größe einer solchen bei einander lebenden Gesellschaft wird der Einfluß des Spieles verstärkt. Ich habe bemerkt, daß bei Weitem nicht alle, sondern nur manche Kinder flatterhaft dadurch werden, dann mehr an's Spiel als an die Arbeit denken und in eine etwas zu muthwillige Stimmung gerathen. Dies sind jedoch gewöhnlich nur solche Knaben, deren Lebhaftigkeit oft leicht  an Wildheit grenzt. Am auffallendsten zeigt sich dies im Frühlinge, zur Zeit, wenn alle Geschöpfe in eine gewisse freudige Aufregung gerathen. Es ist nicht blos wahrscheinlich, daß die Jahreszeit dann mehr thut, als das Spiel; eigene Beobachtungen überzeugen hier am besten."

"Sollte denn die Jugend allein kalt bleiben, wenn die Natur an der Wiedergeburt aller Geschöpfe arbeitet und alle Säfte in Wallung gerathen? - Allein, wenn wir auch nichts auf die Jahreszeit, alles auf die Spiele schieben, so wird doch ein verständiger Kinderfreund jene Flatterhaftigkeit theils durch Vorstellungen, theils durch Methode zu mäßigen wissen; und überdem bleibt es auch eine sehr wahre Bemerkung, daß solche lebendigen Kinder häufig nur dann die größte Aufmerksamkeit zum Unterrichte mitbringen, wenn ihr Körper durch Bewegung bis zu einem gewissen Grade ermüdet ist." (s. S. 29-30)

Spielfreude und Arbeitsunlust: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Spiele können besser als die Wirklichkeit sein. In der Wirklichkeit erhält der Spieler vielleicht weniger Erfolgsmeldungen, als im Spiel. Und was ist, wenn die Arbeit sterbenslangweilig ist oder eben nur notwenig, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?

"Spiele benehmen mitunter der Jugend die Lust zu arbeiten, sie sehnt sich nach dem Spiele und vernachlässigt die Arbeit. Das ist nicht zu leugnen. Nur ein sehr kleiner Menschentheil arbeitet aus dem wahren Grundsatze der Vervollkommnung und Stiftung des Guten um sich her; könnten die anderen ihren Magen beiseite legen, auf ihrer Oberfläche, wie Schafe, die Kleidung reproduciren und in selbstgewaachsenen Häusern wohnen, sie arbeiteten wahrhaftig nichts, sondern amusirten sich nur; denn wenn auch dem Menschen Thätigkeit angeboren wurde, so liebt er doch nicht gleich die, welche mit trockener Anstrengung verbunden ist, sondern nur die, welche ihm Vergnügen macht; jene gewinnt er nur erst theils durch geistige Bildung, theils durch Gewohnheit und Geläufigkeit lieb. Wenn Grundsatz und Nothwendigkeit die einzigen Triebfedern sind, die Hand und den Kopf der Menschen in Aktion zu setzen, so gehören sie auch beide in den Plan der Jugenderziehung, weil wir auch für diese Welt erziehen. Es ist daher nicht genug, jenen Grundsatz der Vervollkommnung einzuprägen, sondern auch baare Nothwendigkeit halte den Arbeitsplan für die Jugend aufrecht, bleibe, so lange es sein muß, der Sporn ihrer Thätigkeit, bis Geläufigkeit und Liebe zur Arbeit entsteht. Man hat von Spielen nichts zu besorgen bei Kindern und Jünglingen, die von der Heiligkeit jenes Grundsatzes überzeugt sind, nichts bei solchen, deren Arbeitsplan nach unabänderlichen Gesetzen feststeht, bei denen es Gesetz ist: Erst Arbeit, dann Spiel." (s. S. 30)

Fehler der Erziehung ist ein Berechnungsfehler

Dem Erzieher fällt eine elementare Bedeutung zu, den Jugendlichen die Grenzen des Spiels aufzuzeigen, aber eben auch seine Notwendigkeit.

"Aus dem Bisherigen ergiebt es sich ganz deutllich, daß der Grund der Arbeitsscheue nicht sowohl in den Spielen, sondern in einem Fehler der Erziehung liegt, der sich auf einen Berechnungsfehler der natürlichen Thätigkeit gründet. Man hat die sehr üble Gewohnheit, Kinder durch's Spiel zur Arbeit zu reizen: Wenn du recht fleißig bist, sollst du auch spielen! 'Um der Spiele willen sich anzustrengen und zu arbeiten,' sagte dagegen so gut ein ehrwürdiger Alter, 'ist thöricht und kindisch; aber spielen, um zu arbeiten, ist recht.' *) Aristoteles, Eth. X. 7. Es ist unpädagogisch und unverantwortlich, der Jugend den Zweck der Arbeit auf solche Art zu verrücken." (s. S. 30-31)

"Was den Muthwillen bei dem Spiele selbst betrifft, so muß die Gegenwart des Erziehers so viel Gewicht haben, ihn gehörig nieder zu drücken. Endlich aber bleibt es ja immer noch ein sehr natürliches Mittel, jedem Kinde, das, veranlaßt durch Spiele, in jene Fehler verfällt, anzudeuten, du kannst nicht mitspielen, weil das Spiel einen nachtheiligen Einfluß auf dich hat; suche des Spieles Herr zu sein, dann nur sollst du spielen u.s.w." (s. S. 31)

Damit beschreibt GutsMuths sogar den Kerngedanken des heutigen "Pathologischen Spielens" im 21. Jahrhundert, wo eine mögliche Spielsucht mit dem Verlust der Impulskontrolle einhergeht.

Spielarten

Aus der Sicht des ausgehenden 18. Jahrhunderts hat GutsMuths seine Spielesammlung zusammengestellt und auf der Grundlage seines damaligen Verständnisses entsprechende Bewertungen und Einteilungen vorgenommen.

Ausschluss der Karten- und Würfelspiele

Die Karten- und Würfelspiele sind mit den Hasardspielen (Glücksspielen) sogleich in einen Topf geworfen worden, weil damals bei diesen Spielen ein Geldeinsatz oder ein Sacheinsatz (Murmeln, Süßigkeiten, Haselnüsse, Mandeln etc.) üblich waren.

"Es giebt mehrere Arten von Spielen: Ruhespiele, Bewegungsspiele, instruktive Spiele, Gesellschaftsspiele, Karten-, Würfel- und Hasardspiele. Welche Spiele sind die besten? Welche soll man vorzüglich spielen? Daß von den letzteren, den Karten-, Würfel- und Hasardspielen, gar nicht die Rede sein kann werden unsere Leser von selbst natürlich finden. Zum Theil sind sie geradezu moralisch so verwerflich, daß es eine Schmach für den deutschen Namen ist, wenn sie überhaupt noch - auf nur von Erwachsenen - gespielt werden, oder, wenn sie dies auch nicht sind, so fehlt ihnen wenigstens der Charakter eines frischen, belebenden, jugendlichen Spieles völlig." (s. S. 31)

Brettspiele haben oft die Zufallsfaktoren über den Einsatz von Karten (Ereigniskarten) oder Würfel integriert. In den späteren Auflagen des GutsMuths-Buches haben die Redakteure und Lektoren F. W. Klumpp und O. Schettler dann ein paar Brettspiele "zur Bethätigung und Entfaltung des reiferen Verstandes" mit aufgenommen. (vgl. ab S. 328)

Zweck der Spiele nach GutsMuths

"Allein es bleibt uns noch eine ganze Menge verschiedenartiger Spiele übrig. Manche von ihnen sind vorzüglich auf Uebung des Körpers, andere auf Uebung des Geistes entweder ganz allein bei völliger Ruhe des Körpers berechnet, oder sie lassen bald mehr, bald weniger Bewegung des Körpers zu. Die Entscheidung jener Fragen wird sich am besten aus dem Zwecke des Spielens überhaupt ergehen. Warum spielt man? Der Zweck ist immer
a) Unterhaltung gegen Langeweile oder
b) Gewinn oder
c) Erholung von Arbeit."
(s. S. 31)

Heute würde wir die Frage nach den Gründen, warum jemand spielt, mit seiner jeweiligen Motivation differenzierter beantworten. Dies kann z.B. das immersive Eintauchen in eine andere, ungewöhliche Phantasiewelt sein. Ja, dies ist vielleicht auch eine Form der "Unterhaltung".

Auch der "Gewinn" muss nicht allein aus einem Wettbewerbsspiel erwachsen, es kann sich auch bei einem kooperativen Spiel um ein Gemeinschaftserlebnis, gemeinsam gegen die Herausforderung eines Spieles zu bestehen (z.B. aus einem Raum unter Zeitdruck herauszukommen, Escape-Room- oder Exit-Games). GutsMuths meint mit "Gewinn" auch geistiges und körperliches Wachstum.

Manche Arbeit kann heutzutage so sterotyp sein, dass gerade die Ambivalenz, die Aufregung, die körperliche Anstrengung, das Suchen nach einer Belastungsgrenze oder aber auch die geistige Herausforderung die Spielmotivation ausmachen, nicht der Wunsch nach Erholung.

"a) Wer Langeweile empfindet, sucht sich zu unterhalten. Hat er blos diesen einzigen Zweck, so sind alle Arten der Spiele gleich gut ,für die sein Geschmack, im Verhältnis zu Zeit und Ort, entscheidet. Hier ist mithin gar kein Maßstab zur allgemeinen Entscheidung. Ueberdem aber gehört Langeweile nicht in das Leben des thätigen Menschen und eben so wenig in die Erziehung." (s. S. 32)

"b) Vom Gewinn ist hier eben so wenig die Rede, als von Eroberung der Haselnüsse und Mandeln; aber der Gewinn an Geistesvollkommenheit, an Bildung und Stärkung des Körpers kommt hier schon mehr in Betracht; denn das Leben ist kurz und die Reihe der Glieder in der Kette derr Ausbildung lang. Allein zur Entscheidung der obigen Frage kann dies wenig beitragen, denn alle an sich guten Spiele, sowohl die Ruhe- und die Bewegungsspiele, gewähren diesen Vortheil und für die Anwendung der verschiedenen Spielarten wird dadurch nichts entschieden." (s. S. 32)

"c) Erholung ist der rechtmäßige Zweck bei allem Spiel. Nach ihm wird die Entscheidung der obigen Frage äußerst leicht. Erholung ist Bedürfnis, so wie Schlaf. Sie gründet sich immer auf Abwechslung der Beschäftigung. Diese sind hauptsächlich von zweierlei Art, geistig und körperlich. Wäre der menschlichen Natur, besonders der Jugend, stete ernste Beschäftigung erträglich, so würde in der Abwechslung geistiger und körperlicher Arbeiten schon die vollkommenste Erholung liegen. Allein sie will auch Abwechslung zwischen Ernst und Scherz, weil hierdurch die Erholung zu einem weit höheren Grade gesteigert wird. Aus diesem natürlichen Gesetze der Abwechslung fließt die Beantwortung der obigen Fragen: Alle Spielarten, sowohl die Ruhe- als Bewegungsspiele, sind an sich gleich gut, sowie sich dies auch schon aus a und b ergab. Ihre Anwendung beruht auf den vorhergegangenen ernsten Beschäftigungen; waren diese geistig, so sei das Spiel körperlich und so umgekehrt. Dieser Grundsatz ist so einleuchtend, daß sich schwerlich etwas Gründliches dagegen einwenden läßt. Ruhespiele gehören folglich hauptsächlich nur denen zu, die wenig mit dem Geiste, alles mit dem Körper unter viel Bewegung arbeiten; Bewegungsspiele dem ruhigen, sitzenden Handarbeiter, sowie dem Freunde der Wissenschaften und Künste." (s. S. 32)

 

Der Blickwinkel von GutsMuths auf die Spiele als reiner Ausgleichsfaktor, als Gegenpol für körperlich oder geistig tätige Menschen stellt die "Religion der Arbeit", die "Arbeit als Gottesdienst" in den Mittelpunkt des Lebens und verzweckt das Spiel als Stabilisator für den arbeitsteiligen Leistungserstellungsprozess, wo es neben dem nächtlichen Schlaf für die Regeneration von Geist und Körper noch eines weiteren Erholungsfaktors bedarf, den des Spieles. Der Gedanke der Zweckfreiheit des Spiels passte nicht in den Beginn der Industrialisierung und Aufklärung, einem bis dahin nie dagewesenen gesellschaftlichen Umbruch und Produktivitätswachstum.

Verzweckung des Spiels zum Ziele der Arbeitsproduktivität

Besonders deutlich wird der damilige Arbeitsmythos und das Arbeitsethos in Deutschland (Deutsches Reich der Kaiserzeit) z.B. durch das Werk von Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897), dem Begründer der Volkskunde (heute Ethnologie): "Die deutsche Arbeit" (1861). "Jedes Volk arbeitet nach seiner Art. Der Griff, womit es die Arbeit anfaßt, der Blick, mit dem es das Wesen der Arbeit erkennt, das Maß, nach welchem es Fleiß, Talent und Erfolg wertet, sind Urkunden seiner tiefsten Charakterzüge. Die Seele des Volkes springt aus seiner Idee der Arbeit hervor, wie aus seiner Praxis der Arbeit. Darum kann man ebensogut Volkskunde im Erforschen der Volksarbeit studieren, wie die Lehre und Geschichte der Arbeit in der Volkskunde neue und reiche Quellen suchen muß." (s. Riehl,  S. 1)

Buch "Die deutsche Arbeit" von Wilhelm Heinrich Riehl (1861, 1883)

Riehl ist der Auffassung, dass das deutsche Volk vor allen Dingen die Arbeit als sittliche Tat faßt: "Denn der deutsche Arbeitsgeist zeichnet sich in zwei Punkten ganz besonders aus und führt uns dadurch nahe dem Ideal der Arbeit, nämlich durch die sittliche Hoheit, mit welcher er Motiv und Ziel der Arbeit faßt, und durch den Universalismus, kraft dessen er alle Zweige der Arbeit gleichmäßiger als irgend eine andere Nation durchgebildet und zur eigentümlichen Entwicklung geführt hat." (s. Riehl, S. 9)

Im Rausche des aufkommenden deutschen Nationalgefühls meint Riehl, dass es auch einen einheitlichen deutschen Geist der Arbeit gäbe. In den Kapiteln "Arbeitsehre in alter und neuer Zeit", "Die nationale Arbeit", "Die persönliche Arbeit und die Volkspersönlichkeit", "Die Völker legitimieren sich durch ihre Arbeit"... etc. wird ein absolut geltendes Referenzssystem idealistisch ausformuliert, in dem Wachstum, Effektivität, Effizenz und Produktivität glorifiziert werden. Den Aspekt von GutsMuths, die geistige Arbeit gedanklich über die körperliche Arbeit stellen treibt Riehl noch weiter und lässt sich zu der Aussage hinreißen, dass eine ungleiche Bezahlung sowie eine ungleiche Eigentumsverteilung ein "Naturgesetz" seinen. Auf die Idee, dass dies von Menschen ausgedachte Ordnungen sind, dass dies ein reales Gesellschaftsspiel ist, dessen regulative Ideen zu hinterfragen wären, kommt er nicht:

"Die ungleich verteilte Ehre der Arbeit wirkt oft noch viel aufregender. Und wenn der gemeine Mann den Organismus unserer Wirtschaft nicht begreift und die Notwendigkeit des unterschiedlichen Lohnes der Arbeit und die Unantastbarkeit der Naturgesetze, nach denen sich Lohn und Gewinn so ungleich ausmißt, dann begreift er noch viel weniger, daß infolge der Natur der Arbeit die Ehre der Arbeit so verschieden abgestuft sein muß, obgleich jede Arbeit ihre Ehre hat. ... Die Herrschaft des Geistes in der Arbeit ist maßgebend für die moderne Abstufung der Arbeitsehre. Als Geistesarbeiter steht der Unternehmer, Leiter, Erfinder der großen Industrie so weit über dem bloßen Handarbeiter der Fabrik, wie niemals der Handwerksmeister über dem Gesellen stand. Mancher glaubt sich daher gegen die Herrschaft des Kapitals zu empören und empört sich doch eigentlich nur wider die Herrschaft der Geistesarbeit." (s. Riehl, S. 26-27)

In diesem Geiste wurde die Jugend im 19. Jahrhundert ausgebildet. Die Erziehungsanstalten, die Schulen hatten die staatliche Aufgabe, eine nach Wachstum und Produktivität suchende Jugend heranzuziehen, wenn sie nicht nur mit ihren Leibesübungen kräftige und gesunde Soldaten werden sollten.

Der Geist macht den Menschen

GutsMuths ist sein gesamtes Leben Lehrer, Pädagoge, versucht Wissen und wohl vor allem auch Bildung zu vermitteln. Das Thema Spiel fasziniert ihn und er hat schon Mühe es innerhalb der dominaten Arbeitsideologie zu vertreten, so gliedert er es ihm unter. Spiel als reine Erholung zum Zwecke der Erhaltung und Steigerung der Arbeitsproduktivität.

"Die geistige Ausbildung bleibt bei der Erziehung das Hauptwerk, weil der Geist eigentlich den Menschen macht. Man habe Nachsicht mit diesem sehr bekannten, aber hier sehr brauchbaren Gedanken. Muß man die Wahrheit desselben erkennen, so sollte die geistige Ausbildung nach Maßgabe des zu bildenden Gegenstandes immer mit Ernst getrieben und nie zum Spiele gemacht werden, um etwa dadurch Erholung für die Arbeiten des Geistes zu schaffen; einmal, weil diese Erholung nicht echt ist, dann auch, weil man dadurch aus der natürlichen Ordnung heraus tritt und dem Körper in seine Rechte fällt; je weniger dieser aber noch ausgebildet ist, um desto mehr sollte man auf seine Rechte halten. Bewegungsspiele sind folglich für die Jugend zur Erholung ihres noch schwachen Geistes die zweckmäßigsten und vorzüglichsten. Allein dieser an sich wahre Satz leidet doch sehr häufig Ausnahmen, die durch Zeit, Ort und Umstände veranlaßt werden. Die Jugend sitzt nicht immer, sie hat oft den Tag über hinlängliche Bewegung gehabt, Zeit und Ort verbieten Bewegungsspiele, und dann sind andere Arten zweckmäßig." (s. GutsMuths, S. 32-33

Eigenschaften zweckmäßiger, nützlicher Spiele

Spiele sind nicht von vornherein gut oder schlecht. Es kommt auf den Standpunkt, den Blickwinkel, die Überzeugungen und Einstellungen, auf das individuelle Referenzsystem des Betrachters an. Der Exkurs über den ersten Völkerkundler Riehl zur Arbeit wurde von uns gewählt, um die Selektionskriterien und Bewertungen von GutsMuths besser verstehen zu können. Was von der "notwendigen" deutschen Arbeitsmoral ablenkt, sei verwerflich.

"Man findet in diesem Buche eine große Menge Spiele; eine noch größere habe ich verworfen. Ich bin meinen Lesern Rechenschaft schuldig; diese will ich jetzt geben, indem ich meine Gedanken über die nöthigen Eigenschaften der Spiele überhaupt darlege.
Wir überlassen den frivolen Gesellschaften der Erwachsenen alle Spiele, die mit Zweideutigkeiten, Anspielungen auf Liebe, Küssen u.s.w. gewürzt sind. Die Jugend spiele nur unschuldig, nichts schmückt sie so sehr, als Unschuld.
Kein Spiel für sie sei unehrbar, führe etwas Unsittliches mit sich; doch setze ich hinzu, daß in meiner Moral für Kinder Lachen, Lärmen, lautes Rufen, Laufen und Springen am rechten Orte und zur rechten Zeit nicht nur nicht zu den Unsittlichkeiten, sondern nicht einmal zu den Unschicklichkeiten gehören."
(s. S. 33)

"Kein Spiel enthalte etwas gegen das Gefühl des Edlen und Schönen, wenn es auch nicht zur Verstärkung dieses Gefühls beiträgt. Ich hoffe, man soll hier kein Spiel der Art finden. Hinein tragen kann man freilich jede Unsittlichkeit, das aber wird nicht meine Schuld sein, sondern die des Tones der Gesellschaft.
Gefährliche Spiele taugen nichts, denn mit Gesundheit und Leben ist kein Scherzen. Ich habe daher manches Spiel, das durch seine Neuheit gefallen haben würde, unterdrückt. Doch gebe ich noch zu bedenken, daß gefährlich ein sehr weiter Begriff sei; man ist selbst im Sopha nicht sicher."
(s. S. 33)

Spiele sollen sittlich und ungefährlich sein und sie sollen vor allem ein Nutzen stiften, also doch nicht nur der Erholung oder Muße dienen. GutsMuths formuliert den weiteren zentralen Anspruch, einer nachvollziehbaren Verzweckung:

"Kein Spiel sei endlich leer von allem Gehalte, von allem Nutzen; Niemand handelt gern ohne Absicht. Spiele müssen daher Uebungen sein, die für die Jugend (für die Alten auch) auf irgend eine Art vorteilhaft sind. Sie müssen den Körper bald mehr, bald minder bewegen und seine Gesundheit befördern, es geschehe nun durch Laufen, Springen u.s.w., oder durch föhliches Lachen und sanftere Bewegung. Sie müssen Schnelligkeit, Kraft und Biegsamkeit in die Glieder bringen, den Körper bald zufällig, bald absichtlich gegen Schmerz abhärten und bald diesen, bald jenen Sinn in lebhafte Thätigkeit setzen. Sie müssen für die Jugend unterhaltend sein, bald ihre Erwartungen, bald ihre Ehrliebe, bald ihre Thätigkeit spannen, bald ihre zu große Empfindsamkeit abstumpfen, ihre Geduld prüfen, ihre Besonnenheit und ihren jugendlichen Muth gewissermaßen auf die Probe stellen. Sie seien endlich Uebungen für Beobachtung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Phantasie, Verstand u.s.w.
Wir haben kein Spiel, das diesen vielsagenden Forderungen allein und vollkommen Genüge leistet; aber doch viele, die sich diesem Bilde sehr nähern, wenigstens bald diesen, bald jenen Forderungen entsprechen."
(s. S. 34)

Spiele sind vielfältig und sehr verschieden. Mehrere zu testen, die individuelle Spielkompetenz auszuweiten, damit zahlreiche unterschiedliche Aspekte des Spielens zur Geltung kommen, ist auch schon für GutsMuths selbstverständlich. Jeder Mensch entwickelt darüber hinaus eigene Spielbiographien. Spiele, deren künstliche Herausforderungen einem Spieler nicht mehr zusagen, werden ausgetauscht durch neue Spiele mit fordernden neuen Erfahrungen. Allein der Fortschritt des Alters bei Kindern und Jugendlichen sowie das "Training" bei Spielen mit Erfahrungswissen können für einen dynamischen Entwicklungsprozess sorgen.

Klassifizierung und Einteilung der Spiele

GutsMuths ist von der Vielfalt der Spiele, die er zusammentragen und darstellen konnte, überwältigt. Diese Vieltfalt schreit nach Einteilungen, Zuordnungen, beschreibenden Überschriften, Klassifizierungen und Struktur.

"Der menschliche Geist ist in Spielen sehr sinnreich, denn, sagt Leibnitz (Leibniz): 'il s'y trouve à son aise' (er fühlt sich wohl). Das ist eine große Lobrede auf die Spiele in wenigen Worten. Die Zahl der Spiele ist wirklich Legion. Jener große Mann bringt sie unter drei Klassen, er theilt sie in solche, a) die nur auf Zahlen beruhen, b) bei denen es noch auf eine bestimmte Lage der Dinge ankommt ('où entre encore la situation') (wo noch die Situation eintritt) und c) in bewegende. Mir gefällt diese Eintheilung nicht, theils weil sie nicht alle Spiele umfasst, theils weil sie nur nach dem Material des Spieles gemacht ist, welches bei den Spielen bei Weitem nicht die Hauptsache ist. Nach der gewöhnlichen Klassifikation zerlegt man die Spiele in Ruhe- und Bewegungsspiele, das ist gut; wenn man aber ferner von Gesellschafts-, belehrenden und Hasardspielen redet, so ist hier nichts als Verwirrung der Begriffe." (s. S. 34)

Als Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung befasste sich Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) mit  Würfel-, Brett- und Kartenspielen, besonders mit Solitaire (dem Brettspiel, deutsch: Steckhalma) und Schach. Fasziniert vom spielerischen, menschlichen Geist formulierte er: "Die Menschen haben nie mehr Geist gezeigt, als wenn sie gespielt haben und wegen seines Mangels an Glückreiz steht das Königliche Spiel (Schach) über allen anderen und stellt es der Wissenschaft nahe." (Leibniz, G.W.: "Miscellanea Berolinensia", 1710, S. 23)

Für GutsMuths, der gedanklich nicht aus der Mathematik und der Warscheinlichkeitstheorie heraus die Spiele betrachtete, war der Klassifizierungsvorschlag von Leibniz nicht aussagekräftig genug und so schwingt er sich auf, eine aus seiner Sicht "einzig richtige" Einteilung der Spiele zu formulieren:

"Die einzig richtige Eintheilung der Spiele muß, so scheint es mir, von ihrem Hauptprinzipe, nämlich von der Thätigkeit hergenommen werden, indem man sie nach den verschiedenartigen Aeußerungen desselben ordnet. Im Körper ist nicht der Quell Thätigkeit - daher giebt es gar keine reinen Körperspiele, man müßte denn passive Bewegungen des Körpers dafür annehmen - , sondern allein im Geiste. Eben daher sind alle bewegenden Spiele mit Uebungen der Geisteskräfte verbunden.
Allein der Trieb zur Thätigkeit äußert sich oft mehr durch den Körper, daher körperliche oder Bewegungsspiele; oft mehr und oft ganz allein durch geistige Kräfte, daher Spiele des Geistes, die man sitzend, besser Ruhespiele nennt, weil der Körper dabei weniger, gleichsam nur beiläufig oder auch gar nicht in Bewegung gesetzt wird. So entstehen zwei Klassen der Spiele. Eine scharf abschneidende Theilungslinie, die durch die Natur der Sache selbst sich zöge, scheint bei dem ersten Anblicke zwischen beiden Klassen nicht stattzufinden, sie ist aber da, wenigstens bei dem größten Theile der Spiele. Nur bei manchen hält es schwerer, ihre Klassifikation zu entscheiden. Bei diesen, so wie überall, untersuche man den Werth der Uebung, die sie auf der einen Seite für den Körper, auf der anderen für den Geist gewähren. Ist jene bedeutender als diese, so gehören sie unter die Bewegungsspiele und so umgekehrt."
(s. S. 34-35)

"So ist z.B. das Spiel 'Der König ist nicht zu Hause' mit körperlicher Bewegung verbunden, allein die Uebung der Aufmerksamkeit ist doch überwiegender und bedeutender, als die wenige Bewegung im Zimmer und daher rechne ich es zu den Ruhespielen; sobald aber dasselbe Spiel unter dem Namen: 'Der Bildhauer ist fort', im Freien getrieben, mit mancherlei Körperstellungen, auch mit Laufen und Springen verbunden wird, so hat die Körperbewegung hier mehr Werth, als die Uebung der Aufmerksamkeit, folglich gehört es dann unter die Bewegungsspiele." (s. S. 35)

Ordnungen und Arten der Spiele

Spiele haben nach GutsMuths mit der Tätigkeit des menschlichen Geistes zu tun. Dabei scheint er zwar auf die Regelspiele fokussiert, bemerkt aber, dass weitere Elemente ("Kräfte") ihre Wirkung entfalten.

"Die Thätigkeit des Geistes, die ohne Ausnahme bei allen Spielen stattfindet, wirkt durch die verschiedenen Erkenntniskräfte, bald durch die Phantasie, bald durch das Gedächtniß, bald durch den Witz u.s.w. Wenn auch diese Kräfte in ihren Aeußerungen nie völlig getrennt erscheinen, sondern, wie die Theile einer Maschine, nothwendig immer in einer gewissen Verbindung wirken, so zeigt sich doch bald diese, bald jene allein, oder mit einer anderen gemeinschaftlich, vorzüglich wirksam. Hierdurch entstehen verschiedene Ordnungen der Spiele, nämlich:
1) Spiele der Beobachtung und der sinnlichen Beurtheilung,
2) Spiele der Aufmerksamkeit,
3) Spiele des Gedächtnisses,
4) Spiele der Phantasie und des Witzes,
5) Spiele des Verstandes und der höheren Beurtheilungskraft,
6) Spiele des Geschmackes.
Endlich ist bei dem Systeme der Spiele wegen der Methode im Vortrage nach Rücksicht zu nehmen auf das Material. Dieses besteht in Kugeln, Bällen, Scheiben u.s.w., oft selbst in den spielenden Personen. Hierdurch entstehen die verschiedenen Arten der Spiele: Ballspiele, Kugelspiele, Scheibenspiele etc."
(s. S. 35-36)

In der nach dieser Einleitung folgenden Spielesammlung sortiert GutsMuths seine Aufzählungen nach den zwei Klassen "Bewegungsspiele" und "Ruhespiele" sowie nach den Arten: "Erste Klasse: Bewegungsspiele. Ballspiele, Kugelspiele, Kegelspiele, Scheibenspiele, Phahl-, Ring- und andere Spiele, Winterspiele, Ringelspiele, Nachahmungsspiele, Blindlingsspiele, Lauf- und Haschespiele, Nachtspiele, Spiele mit Wechseln der Plätze, Hinkspiele, Ziehspiele, Spiele zur Erregung des darstellenden Witzes." (s. S. V-VII)

"Zweite Klasse: Ruhespiele. Spiele zur Schärfung der Beobachtung und der sinnlichen Beurtheilung, Spiele zur Förderung der Aufmerksamkeit, Spiele zur Stärkung des Gedächtnisses, Spiele zur Erregung der Phantasie und des Witzes, Spiele zur Bildung des Geschmackes, Spiele zur Bethätigung und Entfaltung des reiferen Verstandes." (s. S. VII-IX)

Fazit zur Spieltheorie von GutsMuths

Die Vermittung der Freude am Lernen und am Leben, war für den aufgeklärten Reformpädagogen GutsMuths im auslaufenden 18. Jahrhundert für die ihm anvertrauten "Zöglinge" und "Knaben" sehr wichtig. Die Leistungsbereitschaft sollte durch seine Erziehungsarbeit gefördert werden. Er etablierte das Prinzip "vom Leichten zum Schweren", um Erfolge und Selbstbewusstsein den jungen Menschen zu vermitteln.

Den damals üblichen Zwang in den "Erziehungsanstalten" setze er sein Motto "Man gebrauche nicht den Zwang! Man ermuntere durch Beifall!" entgegen. So wie nach ihm andere Reformpädagogen erkannten, dass der Satz "Loben zieht nach oben" eher gilt, als der prügelndes Einsatz des Rohrstocks durch den Lehrer gegen "unwissende" Schüler, bot er seinen Schülern eine "Erholung" mit motivierenden und vom Lernzwang befreienden Spielen an.

 

 

E-Books

GutsMuths, Johann Christoph Friedrich: "Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und des Geistes", 5. Auflage, Hof, 1878, bei Google Books als E-Book kostenlos.

GutsMuths, Johann Christoph Friedrich: "Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und des Geistes", 1. Auflage, Schnepfenthal, 1796, bei Google Books als E-Book kostenlos.