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Julius Schaller (1810-1868): "Das Spiel und die Spiele" von 1861

In Deutschland erschien 1861 eines der ersten spielwissenschaftlichen Bücher: "Das Spiel und die Spiele: Ein Beitrag zur Psychologie und Pädagogik wie zum Verständnis des geselligen Lebens". Geschrieben auf 340 Seiten von Julius Schaller, einem Philosophen aus Halle an der Saale. In seinem fortgeschrittenen Werk begann er sich mit der Psychologie des Menschen zu befassen und stieß dabei auf das Thema "Spiel", so dass sein Thema "Psychologie. Das Seelenleben des Menschen" mit einem Band eine unvollendete Schrift 1860 blieb.

phantasiespiel

Phantasiespiel

Julius Schaller war der Sohn eines Predigers in Magdeburg. Als solcher begann er nach dem Abitur in Halle (Saale) Theologie zu studieren und wechselte zur Philosophie. Ab 1834 erhielt er an dieser seiner Universität einen Lehrauftrag und wurde dort ab 1838 außerordentlicher Professor. Erst 1861, im Erscheinungsjahr seines spielwissenschaftlichen Buches, erhielt er eine ordentliche Professur für Philosophie.

Die Universiät Halle ist die heutige Martin-Luther-Universiät Halle-Wittenberg (MLU) und sie ist die größte und älteste Universität des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, gegründet 1502 in Wittenberg und 1817 zusammengeschlossen mit der 1694 in Halle (Saale) gegründeten Friedrichs-Universität. Bis heute ist die Uni durch ihre geisteswissenschaftliche Themenschwerpunkt geprägt.

Über das Wirken von Julius Schaller (1810-1868) sagen vor allem seine Schriften etwas aus sowie der erhaltene Nachruf zu seinem Tode. Bemerkenswert ist, das in dem Nachruf von J. Bergmann als seinem Schüler, kein einziges Wort über sein Buch zum Spiel und den Spielen verloren wird.

Genau dieses Problem, dass es gar keine Spielwissenschaft gab, sie wohl auch in Halle nur ein Randthema der Philisophie durch Julius Schaller war, erwähnt er in seinen ersten Sätzen von "Das Spiel und die Spiele":

"Über das Spiel ernsthafte Betrachtungen anzustellen, liegt uns fern. Das Spiel gilt uns als nicht so wichtige Erscheinung im menschlichen Leben, daß es der Mühe werth wäre, nach seinem Wesen zu fragen. Höchstens könnte es uns, wie es sich selbst dem Ernste des Lebens entgegensetzt, zu einer mehr spielenden, scherzhaften Betrachtung herausfordern. Mit dem Spiele selbst Spiel zu treiben - mehr scheint dasselbe nicht zu verdienen. Für eine Pflicht des Menschen wird man das Spielen schwerlich ansehen. Auch geht man nicht leicht so weit, dasselbe ohne allen Unterschied als böse zu betrachten. Das Spielen ist erlaubt. Der Mensch kann es damit halten wie er will." (Schaller, Julius (1861), S. 1)

Spielen als Kontrast zum Ernst, als etwas Neutrales, das nicht von vornherein als gut oder böse zu betrachten ist und das der Mensch es damit halten kann, wie er will, spricht für seine einladende Freiwilligkeit. Das Spiel scheint eine Erscheinung seines freien geistigen Wesens zu sein und damit sehr vielfältig. So machte sich Julius Schaller als einer der ersten Wissenschaftler auf, die zu beobachtenden Erscheinungsformen des Spiels zu erfassen, motiviert durch die Aussagen von dem Literaten Friedrich Schiller (1759-1805), der selbst die Kunst dem Begriff des Spieles unterordnet. Aber für Schaller geht aus seinem Blickwinkel Schiller zu weit (s. Einleitung):

"Wollen wir die Individualität eines Menschen, seine eigenthümliche Lebensanschauung kennen lernen, so dürfen wir sein Verhältnis zum Spiel nicht außer Acht lassen. Und wer wollte es übersehen, daß die Stufe der Bildung, welche eine Nation, ein Volk einnimmt, und die ihm eigenthümliche Lebensanschauung, wie die besondern in ihn herrschenden Interessen auch in den vorzugsweise verbreiteten, die allgemeine Theilnahme erweckenden Spielen zum Ausdruck kommen? Ebenso ist es ohne Zweifel für den Geist eines Volkes und für die zu einer bestimmten Zeit herrschende Anschauung von Bedeutung, ob das Spiel als eine Sache von allgemeinem Interesse behandelt wird, ob es öffentlich, als Volksspiel auftritt, oder ob es sich in das private Leben zurückzieht. Nicht minder ist des bedeutsam, ob sich alle Stufen der Bildung, die verschiedenen Stände an dem öffentlichen Spiel betheiligen, oder ob nach der herrschenden Sitte sich die höheren Stände höchstens als Zuschauer dazu verhalten und den niederen das öffentliche Spiel überlassen.

Schiller geht zu weit, wenn er behauptet, der Mensch sei nur ganz Mensch, während er spiele. Er kommt auch nur auf diese Ansicht, indem er Momente in den Begriff des Spiels aufnimmt, die nach dem herrschenden Sprachgebrauch nicht nothwendig zu ihm gehören. Gewiß ist das Spiel ein Produkt der idealen Natur des Menschen, eine Erscheinung seines freien geistigen Wesens. Daurm erscheint es auch in seinen vollkommensten Formen vorzugsweise in der Begleitung des Höchsten und Edelsten, was der Mensch schafft. Es liebt vor Allem die Nähe der Religion und der Kunst und selten wird in kleineren und größeeren Kreisen ein Fest gefeiert, dessen ernste Handlung nicht in der Heiterkeit des Spiels endigt. Nicht wenn der Mensch in endlichen Interessen befangen das äußere Glück des Lebens im Auge hat, ist er geneigt zu spielen, sondern wenn er ideale Zwecke glücklich erreicht, wenn er frei von den Sorgen der Werktage den Sonntag feiert. Wir brauchen daher, um Betrachtungen des Spiels zu rechtferztigen, nicht darauf hinzuweisen, daß es für den Botaniker kein Unkaut gibt. Nicht der Schattenseiten des menschlichen Lebens, seiner Lichtseite gehört das Spiel an. ..."